Der graue und der braune Kopf beugten sich zusammen darüber; ja, der Rektor hatte ja seine Schule, freilich; aber konnte nicht Gertrud, bis er allemal nach Hause kam, ein gutes Stück weiter lernen? Das wäre so der beiden Sinn gewesen.

„Halbpart,“ sagte die Großmutter, denn noch hatte sie hier auch etwas dreinzureden. „Was? mit vierzehn Jahren hab’ ich an den Waschtagen allein gekocht, und habe,“ hier wurde ihr Ton ein wenig vorwurfsvoll, „meiner alten Großmutter einen Schemel gestickt, ganz in Perlen, zwei weiße Lapins mit blauen Bändchen um den Hals, und auf grünem Grunde. Abend für Abend habe ich daran gestickt, ein ganzes Vierteljahr lang. Den Schemel muß meine Base in Ulm noch haben.“

Da lachte Gertrud hellauf und der Rektor lachte mit. Es war nichts Gescheites anzufangen mit den beiden, die alte Frau hätte es sich denken können. „Großmutter, Perlensticken, das ist ja nicht mehr Mode.“ „Anne, das Sticken, das erläßt du ihr. Aber kochen, ja, das soll sie lernen. Das wird ja nicht so schwer sein?“ Aber da hatte es der Rektor nun auch verschüttet.

„So, du denkst: das kann man so nebenher? Aber ich will es euch schon zeigen. Gertrud, heut’ abend hast du die Küche. Erbsensuppe mit Leberwurst für uns; und für den alten Hollermann — nein, das tun wir morgen. Ich habe ein Hähnchen für ihn. Ihr laßt es mir doch verbrennen, du und die Marie. Ihr seid nicht mit dem Kopf dabei, das ist die Sache. Es ist ein Elend, wenn ich alte Frau in der Stube sitzen soll. Morgen geh’ ich in die Küche, und wenn ich dahin kriechen muß.“

Das hatte sie nun schon oft gesagt. Aber noch war sie nicht dahin gekommen. Der Rheumatismus dauerte schon eine ganze Weile und die Beine versagten den Dienst. Da war nichts zu machen. Es war keine Kleinigkeit, und das nicht wegen der Schmerzen allein. Mußte sie nicht alles aus den Händen geben, was sie allein richtig besorgen konnte? Und mußte sie nicht den alten Hollermann, der nun allmählich bettlägerig wurde, mußte sie ihn nicht liegen lassen, wie er lag? Sie war schon längst gut Freund mit ihm geworden. Aber was konnte das nun helfen? Hier saß sie, und auf dem Turm saß Frau Judith; sie lagen beide sozusagen an der Kette, und da draußen war eine Männerwirtschaft ohne gleichen. Die Frau Rektorin konnte sich denken, wie es zuging, obgleich ihr der Gatte lauter Liebes und Gutes erzählte. Meister Nössel kam täglich, das Bett zu machen, und manchmal fegte er auch die Stube aus, und das Essen — ja das Essen, das schickte sie ja freilich durch Gertrud hin, und der Rektor trug öfters eine Flasche Wein in der Rocktasche hinaus. Aber dennoch, es wurde sicherlich eine Menge versäumt, das konnte gar nicht anders sein, wo kein Frauenauge wachte.

„Mann, du hast geraucht. Du kommst doch von draußen herein? Voll Pfeifengeruch ist dein Ausgangsrock.“

Er saß neben ihr auf der Seitenlehne des Großvaterstuhls. Er war eben nach Haus gekommen.

„Natürlich hab’ ich.“ Er nickte vergnügt.

„Es war immer so langweilig draußen bei Hollermann. Man will sich doch hie und da eine Stunde zu ihm setzen. Aber ohne Pfeife? Da hab’ ich gestern die mittellange mitgenommen. Nössel hat die seinige auch gebracht. Es war ein feiner Einfall. Wir saßen ums Bett und rauchten. Hollermann auch. Er hat sich ein kleines Loch ins Kopfkissen gebrannt; da lag ein Stückchen Fidibus, das glimmte so fort. Wir sahen es erst, als ein paar Federn angesengt waren. Nun haben wir das Loch mit einem Bindfaden zugebunden, wie man einen Sack zubindet; es ist grad an der Ecke. Wir haben als Buben manchen Apfelsack miteinander zugebunden. Fein war das damals, wir kamen heute stark an jene Zeiten.“

Aber nun fand die Frau Rektorin endlich Worte.