„Und das erzählst du mir noch? Seid ihr immer noch Schuljungen, oder wie? Setzt euch zusammen und raucht? Und Hollermann liegt im Bett, und weißt du, was mir der Doktor gesagt hat? ‚Das erlischt so vollends wie ein Licht,‘ hat er gesagt. Er mag den Alten wohl leiden. Wollt’ ihr ihn vollends aus dem Leben räuchern?“ Sie fand es schwer, dort draußen nicht die Zügel in der Hand zu haben. Dies hatte alles keine Art.
Der Mann war nicht besonders schuldbewußt. „Sieh’ einmal, Anne,“ sagte er, „nun hat Hollermann schon fünfundsiebzig Jahre lang geraucht. Nein, nicht ganz so lang, obgleich wir als Buben schon Kartoffelkraut rauchten. Aber doch nicht viel weniger. Nun laß’ ihn vollends. Es sei ihm schädlich? Ach, Anne, was ist da noch zu schaden? Das weißt du ja. Und es ist so behaglich. Nein, nun laß’ uns nur.“
Da mußte sie auch hier die Hände vom Spiel lassen. Das Weltrad ging herum wie sonst. Aber es war schwer einzusehen, daß es ohne der Frau Rektorin tätiges Eingreifen ging.
Es ging herum wie sonst. Und eines Tages ging es auch ohne den alten Hollermann. Der war leise davon gegangen. Ihm war nie ein Zweifel darüber aufgestiegen, daß es auch ohne ihn gehe. Er hatte die letzten Tage mit stillen und staunenden Augen vor sich hingesehen und nicht mehr viel gesagt.
Da wollte eine Tür aufgehen, und hinter der Tür, was da wohl war? Darauf richteten sich nun alle Sinne in einer großen und feierlichen Erwartung.
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Im November bekam Georg Ehrensperger folgenden Brief mit der sauberen, etwas eckigen und etwas schnörkelichen Handschrift des Schneidermeisters und Turmwächters Nössel:
Lieber Georg!
Indem ich es als eine Pflicht in die Hand hinein versprochen habe, tue ich Dir zu wissen, daß unser gemeinsamer alter Freund und Schulkamerad Hollermann heute nachmittag begraben worden ist. Zu liegen kam er neben den reichen Lohgerber Kümmerle, der sich noch diesen Sommer ein neues Haus gebaut hat, und ist der eine gern gegangen und der andere ungern, und das ist, soviel man von hier aus sehen kann, der ganze Unterschied. Denn hinüber sieht man nicht und muß warten, bis es an der Zeit ist und wird wohl bei uns Alten nicht allzu lang dauern damit. Sagen soll ich Dir aber von dem alten Hollermann, daß Dir seine Flöte gehören soll und daß Du daran denken sollst, wenn Du sie blasest: daß, wer den rechten Ton will finden, der in allen Dingen beschlossen liegt, der muß in die Stille gehen und muß allein sein und horchen. Und darf nicht fragen: Ist es so den Leuten recht? sonst schallen die Pfeifen und Trommeln von den Jahrmärkten hinein und der rechte Ton geht darüber verloren, daß man auf zweierlei hat gehorcht. Lieber Georg, der alte Hollermann ist ein Sinnierer gewest, und Frau Judith, als ich ihr das erzählte, was ich Dir schreiben soll, hat gesagt, daß Du erst müssest in das Leben hineinwachsen, eh’ Du das verstehest, und sollest nur derweil gradaus gehen und Deine Schuldigkeit tun, das andere, das komme schon noch dran.
Und wird es bei uns immer leerer, da der Alten nur noch wenige sind, und die Jungen wachsen herauf, und ist das wohl immer so gewest, seit Anbeginn der Welt.