Die Gertrud sitzt auch da am Tisch, da ich dieses schreibe, und treibt ihren Scherz mit der Frau Judith, und sagt, sie möchte gern ein Mann sein und ein Professor werden, nur des Lernens und der Bücher wegen. Und kriegte ich keinen kleinen Schreck, als ich das hörte, denn es tut nicht gut, daß ein Mädchen so sehr an der Männer Weisheit hängt; sie gehen darüber der lieblichen Einfalt verlustig. Aber Frau Judith ist nicht ängstlich. Sie hat gestern vom Fenster aus gesehen, daß die Gertrud den Karren der Sandröse, der naß und schwer war vom Regen, den ganzen Mühlberg herauf geschoben hat. Und hat die Röse nicht gewußt, wie ihr geschieht. Du weißt, sie ist alt und mühselig und kam nicht mehr so fort mit dem schweren Karren. Und da sie sich umsieht und will sich bedanken, läuft das Mädchen schon wieder den Berg hinunter mit langen Schritten. So sagt nun die Judith, daß es keine Not habe, solange eins die Augen offen habe für die Armen und Geringen, und greife kecklich zu beim Helfen. Das sei das Rechte, das den Frauen zieme. Da muß ich wohl still sein. Auch ist die Gertrud noch fast ein Kind. Es dünkt mich, ich habe mein Leben lang nicht solchen langen Brief geschrieben. Es ist am Dunkelwerden, ich muß Betzeit läuten. So grüße ich Dich denn, von mir und der Judith. Und vergiß nicht Gottes und der Alten.
Dein wohlgesinnter Freund und Turmwächter
Friedrich Nössel, Schneidermeister.
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Als dieser Brief an seine Adresse kam, lag der, an den er geschrieben war, der Länge nach ausgestreckt auf seinem Sofa. Das Sofa war viel zu kurz und hatte hohe, steife Seitenlehnen, und sein Polster war wellig, wie das Ebenen- und Hügelland von Niederschwaben und Franken. Indessen, es war doch ein Sofa, und Georg Ehrensperger hatte das Recht, sich darauf auszustrecken. Er war vor kurzem nach Haus gekommen und war ein wenig bedrückt und wußte nicht recht warum. Er hatte Heimweh und wollte es vor sich selbst nicht Wort haben. Draußen ging der Novembertag in die Abenddämmerung über. Grau und eintönig, wie er vom Morgen an ausgesehen hatte, ging er dem Horizont entgegen, still und bedrückt, wie ein Mensch, der keinen rechten Lebenszweck hat und sich zur Ruhe begibt, und dabei denkt: es ist alles einerlei. Es kommt gar nicht darauf an, was ich tue; ich kann ebensogut schlafen gehen.
So etwas steckt an, und Georg war denn auch angesteckt, wie man sieht. Er war eine lange Zeit seines Lebens vom Wetter abhängig. Das hat er erst später abgeschüttelt.
Da, als er so lag und in die Stube hineinsah — (es war eine lange, schmale Stube und hatte ein Fenster, das ging auf einen viereckigen, gepflasterten Hof), da klopfte es, und da kam der Brief. Den las er, und stand nicht auf dazu, und zündete nicht die Lampe an, und las das ganze Grau des Tages und des Wetters und der Stube und der Fremde mit dem Brief in sich hinein.
O Heimat! da brach es los.
Vielleicht gibt es schönere Namen dafür, aber Ernst Daxer, der am Abend eine Weile kam, der sagte sachverständig, es sei das „heulende Elend“, das den Freund befallen habe, und sagte, daß das eine Krankheit sei, die jeder einmal kriege.
— Er ließ den Brief auf den Boden fallen und zog die langen Beine hinauf, um wenigstens sein bißchen Ich nahe beieinander zu haben, und drückte den Kopf in eine Vertiefung zwischen zwei Beulen des Sofas. Und dann schluchzte er drauf los.