Von jenem Tag an war ihm das steife, beulige Sofa wie ein Freund und Vertrauter, da es seine Tränen in den grün und braun gestreiften Überzug aufgenommen hatte. Da, als er eine Weile, ohne sich zu wehren, aus Herzensgrund geschluchzt hatte, und es inzwischen dunkler geworden war, fing er an, sich nach einem Trost umzusehen, und verfiel auf den steinernen, zugebundenen Topf voll Zwetschgenmus, der in seinem Kleiderkasten stand. Den holte er herbei und fing an, zu schlecken. Das Zwetschgenmus war ihm von Jungfer Liese geschickt worden, damit er so bis gegen Weihnachten hin etwas auf sein tägliches Vesperbrot zu streichen habe. Aber darauf konnte heut keine Rücksicht genommen werden. Er war so trostbedürftig, und dies hier war etwas von zu Hause. Da aß er denn, still und beharrlich, einen Löffel voll um den andern. Zuerst stieß es ihn noch, es tropften noch einige Tränen in den Topf. Dann fing er zusehends an, sich zu erholen. Je tiefer er in das Mus eindrang, je leichter wurde ihm das Herz.

Als der Topf so ungefähr halb leer war, zündete er die Lampe an und las den Brief nochmals, und hatte in der linken Hand den Brief und in der rechten den Löffel, den führte er so sachte hin und her. Das Mus war gut. Er hatte nun wieder Verständnis dafür. Also der alte Hollermann war gestorben. Das war traurig. Georg konnte sich nicht recht vorstellen, daß er nicht mehr da sei, wann er heimkomme. Aber es war noch vieles, auf das man sich freuen konnte, es zerfloß nicht mehr alles in einen trostlosen, grauen Nebel. Zum Beispiel bekam er die Flöte. Nein, das mit dem Rat des Alten verstand er im Augenblick nicht so recht, obgleich ihm wie aus der Ferne vieles aufstieg, das sie in der Korbmachersstube miteinander geredet hatten. Als er an der Stelle war, die von Gertrud erzählte, wie sie den schweren Sandkarren der alten Röse den Berg herauf geschoben hatte, spürte er einen starken Kitzel im Halse. Er mußte lachen, mitten in die Trübsal hinein. Da war er gerettet. Die Gertrud war doch ein Staatskerl. Er faßte ihre Tat nicht so sehr vom Standpunkt der Nächstenliebe aus auf, mehr als einen lustigen Streich. So war sie, er kannte sie wohl so, nichts weniger als zimperlich. Jungfer Liese hatte noch nicht lang einmal gesagt: „aus der wird ihrer Lebtag nichts Feines; die ist über einen Buben.“ Das hatte ihm mächtig gefallen; gerade so mußte sie sein, ein rechter Kamerad, gescheit, kräftig, heiter und immer bei der Hand zu allem frischen Tun. Er freute sich auf sie. Es war nur noch fünf Wochen bis Weihnachten. Als er so weit war, sah er in den steinernen Topf; es war nicht mehr viel darin. Es war nicht mehr der Mühe wert, ihn zuzubinden. Da kratzte er ihn vollends aus, aber mit einiger Beschwerde. Zwetschgenmus gehört zu den Tröstungen, die man mäßig genießen muß.

Als Ernst Daxer kam, lag Georg wieder auf dem Sofa, und hatte die Beine wieder etwas hochgezogen. Aber das geschah nun aus einem andern Grunde als zuvor.

Zweites Kapitel

Er hatte dem Professor Lindemann den Gruß des Rektors Cabisius ausgerichtet. Und er hatte ihn darauf angesehen, ob er mit diesem Jüngling in weißen Haaren verwandt sei, und ob er noch eine Spur von jener Rheinwanderung und von jenem ungenannten Rüdesheimer Erlebnis an sich trage. Auch hatte er, da er viel Schönes und Erfreuliches in „der Welt draußen“ zu finden hoffte, sich auf dem Weg von seiner Wohnung in der Pfarrstraße nach dem Gymnasium ausgedacht, der Lehrer werde, überwältigt von alten Erinnerungen, die Hand ausstrecken und seine, Georg Ehrenspergers, schütteln, und ausrufen, wie der alte Homer den bräunlichgelockten Menelaus ausrufen ließ: „Götter, so ist ja mein Gast der Sohn des geliebtesten Freundes“, oder auch sonst etwas ähnliches. Aber der Professor Lindemann rief das nicht aus.

Wenn dieser Mann einmal mit dem Rektor Cabisius in einer gemeinsamen Welt gelebt hatte, so mußte das lange her sein. Und das war es auch. Er war ein gut Teil Jahre jünger als der Rektor. Aber er war ziemlich vertrocknet und verstäubt.

„So, so,“ sagte er, und kniff die Augen zusammen, „so, so, Cabisius. Ja, ja, ich weiß. Setzen Sie sich, Ehren — Ehren — wie ist der Name?“

„Ehrensperger,“ sagte Georg und setzte sich.

Also damit war es nichts gewesen.

Da mußte das Wiblinger Stadtkind die Kammern seines Herzens anderweitig zu füllen trachten. Es gab noch anderes in der großen Stadt, was des Erlebens wert war. Es gab helle und breite Straßen mit glatten Pflastern, auf denen es sich anmutig dahinschlendern ließ, und mit hohen, stattlichen Häusern, in denen Georg Ehrensperger zwar nichts verloren hatte, die anzustaunen, soweit es ihre Vorderseite betraf, ihm aber unverwehrt war. Paläste gab es, und zwar sowohl solche, in denen die Regierung des Landes vorgenommen, als solche, in denen Bier verschenkt wurde, und letztere waren, alles in allem gerechnet, die pompöseren. Wagen fuhren dahin, und obgleich der Hufschlag der Rosse und das Rollen der Räder auf dem Holzpflaster der schönsten Straßen eine Dämpfung erfuhr, so gab es, da ihrer viele waren, doch ein nicht unbeträchtliches Getöse, mit dem sich der bescheidene Lärm der Wiblinger Ochsen- und Kuhfuhrwerke nicht im entferntesten messen konnte.