Läden gab es, die so glänzend, vornehm und üppig ausstaffiert waren und die sowohl bei Tage als beim Schein des elektrischen Lichtes so zauberisch aussahen, daß es den Sohn des Wiblinger Bäckerhauses eine der gewagtesten und — unmöglichsten Taten dünkte, in einen derselben einzutreten und für ganz gewöhnliches Geld etwas von ihrem Inhalt zu erhandeln.

Er führte diese Tat denn auch nicht aus. Er wußte engere, stillere Straßen, und niedrigere, dunklere Läden, in denen er sein Brot und seine Wurst, seine Bleistifte und Schreibhefte, seine — aber das geschah nur einmal im ersten Jahr, und dann in etlichen Jahren nicht wieder, seine Zigarren, sieben Stück für zwanzig Pfennig, erstand.

Die Zigarren rauchte er eines schönen Herbstabends mit einigen Kameraden, neugewonnenen Genossen seiner Studien. Das heißt, er rauchte eine davon und bot die übrigen mit einer großartigen Handbewegung, die er dem Größten unter ihnen abgelernt hatte, im Kreise an. Es war auf der Königstraße, kurz vor Dunkelwerden.

Er wollte sein Möglichstes tun, mitzumachen. Er hatte sich vorgenommen, ganz mit den andern zu tun und ein rechter Kamerad zu sein.

Aber es ging nicht. Weder mit dem Rauchen, noch mit der Kameradschaft. Es paßte beides nicht zu seiner Natur. Es gab sich ganz von selbst, daß er bald wieder allein war.

Er hatte viel zu denken und zu staunen. Was war da für ein rauschendes, buntes Leben rings um ihn her. Wohin alle die vielen Leute gingen? Immer sahen sie aus, als seien sie in Sonntagskleidern.

Und wer da begraben wurde? Es mußte jemand Bedeutendes sein. Die vielen Kutschen im Gefolge und ein ganzer Blumenwagen. Ein Lorbeerkranz dabei, nein, zwei, drei.

Und die hohen, hohen Häuser. Wie viele Leute mochten da übereinander wohnen, und welche Aussicht man von ganz oben hatte? Er stieg einmal auf den Stiftskirchenturm und sah über das Häusergewimmel hin und stieg ganz still wieder herunter.

Mit dem einen oder andern Schulkameraden schritt er um zwölf Uhr mittags hinter der Wachtparade drein, die mit klingendem Spiel auf den Schloßplatz zog. Da wogte es von Menschen, und die Springbrunnen ließen ihre Wasser steigen; in bunten Farben leuchteten die Beete, rings um den Musikpavillon her; hoch und schlank ragte die Jubiläumssäule über all das Gewimmel hin; wie aus einem fremden, schönen Lande hierher versetzt, winkte die Säulenreihe des Königsbaues herüber; mit klingendem, singendem Wellenschlag füllte die Musik das bunte Strombett des Lebens; öfters, als es den Kameraden gefiel, verstummte Georg Ehrensperger vor dem allem und ließ sich schweigend und ohne viel Schwimmbewegungen von dem Strom dahintragen.

Da kamen sie nach und nach überein, daß er ein guter, aber etwas langweiliger Kerl sei, von dem weder im Guten, noch im Schlimmen viel Bewegung in dem Einerlei des Schuljahres zu erwarten sei, weder auf der Straße, noch vor den Lehrern. Und, da er manchmal sonderbar versonnene Fragen tat, nannten sie ihn Joseph: „seht, da kommt der Träumer her,“ und ließen ihn im übrigen seines Weges gehen, so viel er wollte.