Der führte ihn durch Jungfer Liesens Fürsorge in das Gassen- und Gäßchengewinkel der Altstadt. Es lebte ihr daselbst die Kanzlistenwitwe Mollenkopf, die eine entfernte Base von einer Base der braven Ziehmutter der Ehrenspergerskinder war, sich mit künstlichen und kunstvollen Flickarbeiten ihr Brot erwarb und nebenher „Logisherren“ in den zwei langen, schmalen Stuben nach der Hofseite beherbergte.
Es lag nichts näher, da die Frau Mollenkopf eine brave Person und eine geborene Wiblingerin war, als die beiden Landsleute unter einem Dach zu vereinigen.
Und hier siegte denn auch Jungfer Liese über den Vorschlag des Rektors Cabisius, der seinen Schüler und Schützling gern in einer Familie mit andern jungen Leuten zusammen unterbringen wollte.
Sie hatte ein gutes Mundwerk, und, seit es ihr der Respekt nicht mehr allzusehr verschloß, hatte sie auch ein keckliches Mundwerk, und sie bewies mit demselben Franz Ehrensperger dem Älteren, daß Nutzen und Willigkeit auf ihrer Seite seien.
Es war nicht schwer, ihn zu überzeugen.
Und so war Georg unter die Obhut der Frau Mollenkopf geraten, eh’ er sich dessen versah. Er hatte nichts dagegen. Als er nach jenem so glücklich gestillten Anfall des heulenden Elends seine Augen getrocknet hatte und sie wieder aufhob, gefiel es ihnen nicht übel in dieser Region der engen, krummen Gassen, der schiefen, alten Häuser, der spitzen Giebeldächer, der Verkäufer- und Antiquitätenläden, dieser Region der kleinen Leute, die zum Teil ein alteingesessenes Bürgertum bildeten, zäher, eingewurzelter und — interessanter, als es die Region der Backsteinkasernen erzeugt, die zu Hunderten dieselbe Uniform tragen, neue, helle, weitläufige Stadtviertel ergeben und alle Quartal eine andere Inwohnerschaft haben.
War nicht die Botenhalle in der Nähe? Und war es nicht unsäglich heimatlich, die braven, schweren Gäule vor den leinwandüberspannten Wagen dahertraben zu sehen? Blies nicht der Bote von Beckenhardt, solange es irgend etwas Grünes in der Natur gab, jeden Mittwoch- und Samstagmorgen sein Lied auf einem Blättchen, das er zwischen den bärtigen Lippen hatte, und fuhr nicht der Bote von Beckenhardt durch Wiblingen, schon seit Georg auf der Welt war und länger?
Im Schatten der St. Leonhardskirche breitete sich der Gerümpelmarkt aus und es gab vielerlei dort zu sehen. Alte Weiblein, die mit rostigen Nägeln und dergleichen Wertsachen handelten, fliegende Antiquare, die ihre Bücher und Broschüren auf einem Karren ausbreiteten, Kleider-, Möbel- und Bettenhändler. Ein untrüglicher Kitt für alles Zerbrochene wurde verkauft und der Verkäufer war selbst Künstler in der Anwendung und klebte alte Scherben zusammen, daß es eine Art hatte. Wir können die genauere Bekanntschaft aller Spezialitäten dieses interessanten Marktes leider nicht machen, da sie uns auf unserem Weg durch das Buch allzusehr aufhalten würden. Es ist genug, daß Georg Ehrensperger auf seinem Weg ins Gymnasium hie und da durch sie aufgehalten wurde, und daß er dann wie aus einer andern Welt in die Schule und unter die Genossen trat, mit versonnenen Augen und rückwärts gerichteten Gedanken.
Die Schulkameraden konnten ihn ruhig seines Wegs ins sogenannte Bohnenviertel gehen lassen, und auch wir können ihn ruhig dahin gehen lassen, er fand schon seine Nahrung, Freude und Genüge dort, wie es jede Kreatur auch tut, wenn man sie nur gewähren läßt.
Auf einen viereckigen, gepflasterten Hof ging das Fenster der langen, schmalen Stube, die Georg Ehrenspergers erste Jünglingsjahre umschloß; auf das bunte Treiben des schon genannten Gerümpelmarkts gingen die zwei Fenster der Wohnstube seiner Hausfrau, der Frau Mollenkopf.