Die Witwe wohnte schon manches Jahr in derselben Stube, und sie hatte demnach auch schon manches Jahr dasselbe bewegte Bild unter ihren Fenstern. Wenn sie ihren Platz auf dem Fenstertritt, auf dem Holzstuhl mit dem grünen Kissen, einem Philosophen oder einem Geschichtenschreiber abgetreten hätte, so hätte der eine wahrscheinlich tiefsinnige Betrachtungen über den Satz: es ist alles eitel; es ist alles ganz eitel, angestellt; und der andere hätte den verblichenen Staatsgewändern, den Bildern in morschen Goldrahmen, den Sesseln mit zerschlissenen Überzügen, die hier feilgehalten wurden, die seltsamsten Vorerlebnisse angedichtet. Und es ist manches zu wetten, daß die Erlebnisse mancher dieser Dinge — noch viel seltsamer waren, als er sie zu erdichten vermocht hätte.
Frau Mollenkopf trat aber ihren Platz an keinen Vertreter einer dieser beiden nachdenklichen Richtungen ab. Sie saß selber fest und beharrlich auf dem grünen Kissen, ließ Nadel und Faden heilungsbeflissen zwischen den mottenzerfressenen Ranken und Blumen alter Teppiche, den zerrissenen Maschen eines wertvollen Spitzenwerks, den brüchig gewordenen Vögeln und Früchten eines seltenen Tafeltuchs herumspazieren und hatte auf diese Art selber das Material zu den merkwürdigsten Mutmaßungen in der Hand. Daß sie diese Gelegenheit nicht benützte, lag in ihrer Art, die mit der der Jungfer Liese einige Ähnlichkeit hatte insofern, als sie auf das Greifbare, Nützliche, Reale allzusehr gerichtet war, als daß für Phantasien viel Raum in ihrem Sinn gewesen wäre.
Sie sprach gern von dem seligen Mollenkopf, der ihr etwas weniges auf der Sparkasse hinterlassen hatte, und gab zu verstehen, daß sie dieses wenige bereits um ein gutes Teil vermehrt habe. Sie hegte die Hoffnung, mit Hilfe dessen, was bereits auf der Sparkasse lag, und dessen, was sie noch dorthin zu bringen gedachte, sich nicht nur ein Sitzkissen, sondern auch ein behagliches Kopfkissen auf ihre alten Tage zu erwerben. Und es war nur schade, daß sie zu der Klasse von Menschen gehörte, die, wenn diese alten Tage kommen, mit dem Rest ihrer Kraft für noch ältere Tage sorgen, und die weder der jungen noch der alten Tage jemals froh werden.
Fest und beharrlich saß sie an ihrem Fensterplatz und verließ ihn nur, um die nötigen häuslichen Verrichtungen vorzunehmen, und in der Dämmerung, um die wiederhergestellten Gegenstände an ihre Eigentümer abzuliefern. Und zu der letzteren Stunde kam Georg am liebsten aus seiner Hofstube und — tat, als ob er zu Hause wäre, wie das mit Frau Mollenkopf eigentlich ein für allemal verabredet war.
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Es dreht sich der Schlüssel von außen im Schloß, es füllt sich die Stube mit Dämmerung und Stille. Steig’ auf, unsichtbares Eiland der Glücklichen, tretet in den Kreis, ihr trauten Gestalten der Kindheit mit den webenden Träumen der Zukunft, fanget an zu reden, und horchet auch ihr auf das, was wir zu sagen haben, auf daß wir eine kleine Weile der Fremde vergessen und zu Hause seien.
Töne, du alter, hochbeiniger Klimperkasten von Klavier, du bist zu dieser Stunde voll Wohllaut und Fülle. Georg Ehrensperger hat dich aus dem Schlaf geweckt, in dem du lagest, seit der selige Mollenkopf zum letztenmal den Blümchenwalzer auf dir spielte. Er hat den Stapel zerrissener Gegenstände von deinem Deckel entfernt, sie liegen ebenso gut auf einem Stuhl. Nun gleitet das Licht der Straßenlaterne über deine Tasten. Es ist unsicher, es huscht gespenstig hin und her, es erinnert an die spukenden Flämmchen in des Rektor Cabisius’ Studierstube. Der geht um diese Zeit in dem wohlbekannten Raum auf und ab, und Gertrud sitzt wohl auf der Truhe, die Platz für zwei hat. Und die Frau Rektorin sitzt im Lehnstuhl, sie hat immer noch Rheumatismus, sie saß in den Weihnachtsferien, als wir zu Hause waren, in Kissen und Decken gehüllt alle Tage im Lehnstuhl. Hollermann war nicht mehr da, und es ist nicht sicher, was sich alles verändern kann, so lang wir fern sind.
Es ist uns manchmal fremd zu Mute, altes Klavier. Und du bist das einzige, dem wir es anvertrauen können. Es ist uns, als ob wir uns eine Weile auf Mutters Schoß setzten und ihr alles erzählten, und sie erzählte wieder, merkwürdige, traumhafte Geschichten, die man nie bei Tage erzählen könnte. Von einer Welt, die man nicht sehen kann, in der man aber zu Hause ist. Sie hat vielerlei Namen, diese unsichtbare Welt. Wir suchen eine Sprache, um von ihr zu reden, und es ist uns, als ob man in Tönen von ihr reden könnte.
Hat einmal einer auf dir gespielt, als deine Saiten noch rein und stark klangen, einer, der es verstand, die Harmonien zu entlocken? Dann sei geduldig, altes Klavier, wenn hier einer ist, dessen Spiel noch ein Stammeln ist, kein Reden. Keine Sprache, nur das Suchen nach einer Sprache. Er wird’s noch besser lernen.
Er hat zu Weihnachten das Geld zu Klavierstunden bekommen, und die Zeit nimmt er sich selbst dazu. Jungfer Liese hatte den Kopf geschüttelt und der Bruder Franz hat ihn auf den Rücken geschlagen, breit und wohlwollend und hat gesagt: „Mach voran, dann kannst du uns einen Walzer spielen, wenn du heimkommst.“ Denn der Bruder Franz tanzt jetzt mit den Wiblinger Bürgerstöchtern und der Walzertakt kommt ihm sogar zuweilen in die Finger, wenn er Teig knetet. Auch weiß er nicht so recht, wozu man außerdem noch Musik machen soll. Aber du wirst schon sehen, daß Georgs Sinn nicht nach dem Walzer steht. Es ist ein Läuten irgendwo, wie von einer fernen Waldkapelle, dem horcht er nach, schon seit er ein Kind war und weiß nicht, daß er es in sich selber trägt, und sehnt sich, es nahe zu hören. Wenn du das in ihm erlösen könntest. Er hört es zuweilen auf den Gassen, und zuweilen mitten in den alten Geschichten der Menschheit, vom Paradies an, in den Büchern, und manchmal sogar in der Schule. In den Gesängen der Dichter hört er es und wird es bald noch besser hören, wenn er die Musiker kennen lernt, von deren Saitenspiel er so wenig weiß und so vieles ahnt.