Aber führe auch du ihn in der Dämmerung, beim flackernden Licht, das von draußen hereinfällt, immer wieder in jene Welt, die verborgen unter allen Dingen hingeht, und laß da seine eigene Seele zum Wort kommen. Es will etwas in ihm tönen, du weißt es. Laß ihn darauf horchen, altes, verstimmtes Klavier, auf daß der rechte Ton nicht verloren gehe, wie der Alte in der baufälligen Hütte zu Wiblingen gesagt hat, vor den Trommeln und Pfeifen der Jahrmärkte rings umher.
Drittes Kapitel
In der Ladenstube des Ehrenspergerhauses stand ein gelb angestrichener Eckkasten, und in dem Eckkasten lag eine alte braune Mappe. In der Mappe aber hob Vater Ehrensperger auf, was von Familienpapieren in seinen Händen war: Geburts-, Tauf-, Trau- und Todesscheine, seinen eigenen Meisterbrief und Franzens Gesellenbrief, als dieser ausgelernt hatte.
In dieser Mappe legte er auch, wenn die Zeit dazu kam, die halbjährlichen Zeugnisse, die Georg nach Hause brachte, und nach drei Jahren, von jenem Auszugstag an gerechnet, das Maturitätszeugnis, das er gleichfalls nach Hause brachte.
Glänzende Zeugnisse waren es nicht gerade. Der Rektor Cabisius, der sie jedesmal zu sehen bekam, ehe sie in der Mappe verschwanden, sah jedesmal das Blatt und dann den Knaben an, der vor ihm stand und — hätte vielleicht etwas gesagt, wenn nicht seine raschere Frau, die ihm über die Achsel in das Blatt hineingesehen hatte, ihm zuvorgekommen wäre. Er ließ sie ruhig gewähren; sie hatte immerhin ein mütterliches Recht an den jungen Menschen, und er kam zu seiner Zeit schon auch dran.
„Wenn du aber etwas Rechtes werden willst, so mußt du dich noch ganz anders dran halten, mein lieber Sohn. Denn sieh, du bist hie und da zerstreut, dann siehst du aus, als ob du auf etwas horchtest, das nicht da wäre. Man muß aber in der Gegenwart leben. Und dann hast du auch zu viel Nebenliebhabereien, und manchmal fehlt es am Willen bei dir. Ja, da fehlt’s manchmal. Ich kenne dich nun schon lange. Ich darf dir das wohl sagen.“
So sagte die Frau Rektorin, oder doch ähnlich und es war nicht nötig, daß sonst noch jemand viel sagte. Der Vater Ehrensperger tat es nicht und auch wir tun es nicht.
Wir halten uns lieber an einige Erlebnisse aus jenen Jahren, die Georg nicht schriftlich hatte und die nur in dem Stammbuch standen, das wir alle in uns tragen und in das sich von unserer ersten Kindheit an Menschen und Ereignisse eingetragen haben.
Menschen und Ereignisse kommen und gehen und füllen ihr Blatt in dem Buch unseres Lebens. Und wer will von allem sagen: Dies war bedeutsam und jenes war ohne Wirkung? So offen liegt Werden und Wachsen nicht vor uns, daß man von jedem Zoll sagen könnte: Das ist von jenem Sommertag und dies von jener Sturmnacht.
Einmal, da ging Georg Ehrensperger an einem Sonntagmorgen aus dem Haus und wußte nicht recht, wohin mit sich selbst.