Ernst Daxer, der ging regelmäßig zur Kirche, und wenn er es zu machen wußte, so kam er und holte den Wiblinger Schulkameraden auch dazu ab. Sonst gingen ihre Wege auseinander. Er wohnte in einer andern Stadtgegend und lebte in einem andersartigen Kreise und besuchte ein anderes Gymnasium. Er war in einem Haus und unter einer Obhut, da sich alles Gute, Fromme, Geordnete von selbst verstand, da an einem wohl umzäunten Weg Kirche, Bibelstunde, Jünglingsverein und Hausandacht zur Rechten und zur Linken lagen und gar nicht zu versäumen waren.

Man konnte ihn vorläufig weder loben noch tadeln, daß er das alles mitmachte; so wenig als man einen Bach loben oder tadeln kann, den man in ein tiefes Bett mit hohen Ufermauern geleitet hat und der nun glatt und sicher darin fortläuft.

Er war aber ein kindlicher, einfacher Mensch mit einem offenen Wesen, den man wohl gern haben konnte und der seiner Mutter niemals unnötige Sorgen machte. Auch verdarb er nicht, wie leider manche tun, an geistiger Überfütterung, noch auch daran, daß man seine ganze Jugend hindurch alle seine Schritte behütete und er nicht frei stehen konnte, als er ins Leben und in die Selbständigkeit hinauskam.

Er hatte seinen Vater sterben sehen, wie er mit bittern Sorgen rang und ein schwer errungenes Vertrauen faßte, und er hatte seiner Mutter herben, zähen Kampf mit der Not miterlebt. Vielleicht war das beides ein gutes Gegengewicht gegen das weiche, behagliche, selbstverständliche Christentum, das ihn hier umgab.

Nun also, in dieser Zeit, da sie noch beide Gymnasisten waren, trieb ihn ein starkes Heimatgefühl, immer wieder Georg Ehrensperger aufzusuchen.

Er erschien an manchem Sonntagmorgen in Frau Mollenkopfs Wohnung und half ihm, der sich leicht an Kleinigkeiten vergaß, in die Kleider und zum Haus hinaus und war glücklich, wenn er ihn mit sich hatte. Auch erfüllte es ihn mit einem fast väterlichen Stolz, wenn Georg mit seiner reinen, frischen Stimme das Lied mitsang, daß sich der und jener umwandte und nach dem Sänger hinsah. Sie probierten aber nach und nach fast sämtliche Kanzeln der Stadt, und taten sehr kritisch, weil sie später auch zu predigen gedachten und blieben schließlich an einem Pfarrer hängen, der einfach, frisch und natürlich vom Evangelium, als von einer frohen Botschaft, die im Leben richtig zu verwenden sei, sprach. Der stand im Geruch, ein wenig „frei“ zu sein. Also wählten sie das Schwere, daß man das später auch von ihnen sage, und beschlossen, gerade ein solcher zu werden, wie er.

Aber heute war Ernst Daxer nicht gekommen. Er war, soviel Georg wußte, mit seinem Jünglingsverein, der einen Posaunenchor hatte, zu irgend einem auswärtigen Jahresfest gefahren.

Und Georg hatte dem Kirchenläuten zugehört, wie es so voll und stark über die Stadt hinhallte, und es hatte ihm allerlei Gedanken aufgerührt, und erst, als es still wurde und von der St. Leonhardskirche die Orgel herübertönte, fiel es ihm bei, daß es nun zu spät sei. Also ging er aus dem Haus und ging ein wenig planlos durch die Straßen und kam bald an einem schönen, schlichten, vornehmen Gebäude vorbei, das hatte einen Mittelbau mit einem säulengetragenen Portal und zwei Seitenflügel und hatte einen Vorgarten, darin blühte es in den Beeten über und über von Monatsrosen. Das war alles so ruhig-schön, so festlich und feierlich schon von außen. „Museum der bildenden Künste“ stand über dem Portal in großen goldenen Lettern.

Da ging er hinein. Eine Vorhalle, breite Treppen führten rechts und links in die Höhe. Aber da unten stand eine Tür offen. Weiße Gestalten schimmerten, von hellem Licht übergossen, heraus in die Dämmerung der Vorhalle. Denen ging er nach. Er wußte sich nicht recht zu helfen. Es hatte ihm noch niemand Anweisung zum Anschauen gegeben. Es waren ihrer so viele, große, schweigende Menschengebilde. Er sah sie alle an, wie man fremde Wesen ansieht, sie wirkten alle auf ihn ein.

Er war der einzige lebende Mensch unter ihnen; sie bildeten eine Welt für sich. Es wurde ihm still und feierlich und ein wenig fremd zu Mute.