Da, als er sich sammeln wollte und die Augen auf einen Punkt zu richten gedachte, da fand er sich vor der riesigen, prachtvollen Jünglingsgestalt des jungen David. Es war nur ein Gipsabguß nach Michelangelos großem Werk. Aber was wußte Georg Ehrensperger von der reinen, großen Wirkung des edlen Marmors?
Hier stand er und versank ins Schauen.
Und das starke, kühne Gesicht des Sohnes Isai nahm vor ihm Leben an; es strafften sich die Sehnen der hohen Gestalt; es zuckte der Stein, den der Jüngling gegen den Riesen, den Verderber des Vaterlandes, schleudern wollte, in der rechten Hand.
Und hoch auf richtete sich der lang aufgeschossene Knabe, und seine Augen blitzten heller, je länger er davor stand, und er ballte die Hand zur Faust.
Taten tun, Großes erleben; starkes, reines Heldentum.
Wo waren die Zeiten, in denen es das alles gab? Was konnte man jetzt tun?
Studieren, hinter Büchern sitzen, dann ein Examen machen, dann ein Amt. Predigen, reden, wieder reden, lesen.
Und er stand Aug’ in Aug’ mit dem herrlichen Jüngling, und das Herz brannte ihm, und seine junge Seele schwoll, wie ein Bach im Frühling über die Ufer schwillt, und begehrte, Taten zu tun in der Heerschaar der Guten, Echten, Tapfern; irgend etwas Großes zu verrichten in der Sache der Menschheit.
Aber was?
Das Glockenzeichen erscholl und riß ihn aus seinen Gedanken. Der Schließer rasselte mit dem Schlüsselbund; die Galeriestunde war vorüber.