„Nicht?“ Der kleine Bube sah ungläubig aus. „Du bist doch so groß.“
Es war nichts anderes zu machen, sie gingen mitsammen durch die Straßen.
Da war es nun Georg Ehrenspergers erste Heldentat, einem kleinen, schmutzigen Bübchen den Weg nach Hause zu zeigen.
An der beschützenden Hand wuchs dem kleinen Kerl der Mut. „Dort hinein geht’s, das ist die Straße,“ sagte er plötzlich und strebte mit Macht voran. Es war in dem Gäßchengewinkel, das um die Markthalle her ist. Und dann schrie er plötzlich auf. „Mutter,“ schrie er entzückt und lief auf eine Frau zu, die mit angstvoll spähendem Gesicht auf eine Hausstaffel herausgetreten war. Er sah sich nicht mehr um. Er lag fest in ihren Armen und sie schalt und liebkoste ihn.
So, nun konnte Georg Ehrensperger gleichfalls nach Hause gehen. Er drehte noch einmal den Kopf; da trug eben die Mutter ihr Bübchen ins Haus. Wie es kam, wußte er selbst nicht, aber auf einmal war er mitten drin, zu pfeifen: Und so will ich wacker streiten, und soll ich den Tod erleiden, stirbt ein braver Reitersmann.
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Einen eigentlichen Freund und Weggenossen hatte Georg Ehrensperger damals nicht, wie schon gesagt. Er ging so für sich hin, nahm am Leben der Schule und an den jungen Leuten teil, wie der Tag es mit sich brachte und lebte im übrigen sein eigenes Leben für sich allein. Er gewann aber im zweiten Jahr, das er in Stuttgart verlebte, eine heimliche Liebe, die füllte für kurze Zeit sein einsames Herz, das ja dennoch nach Anschluß verlangte, mit einem Reichtum, den die andern nicht ahnten.
Es war aber nicht die Liebe zu einer Frau, sondern zu einem Lehrer, der lange krank gewesen und nun wieder gekommen war.
Als Georg ihn das erste Mal auf dem Katheder sah, mußte er in seinem Gedächtnis nachsuchen, wo er dieses schmale, ernste Gesicht mit den dunkeln, ruhig betrachtenden Augen unter einer hohen, furchendurchzogenen Stirn schon gesehen habe, und es fiel ihm das alte Bild eines Magisters ein, das in der Sakristei der Wiblinger Stadtkirche hing. Ja, das war es. Georg war beim Konfirmandenunterricht ihm gegenüber gesessen und die Augen hatten ihn immer im Bann gehalten. Da war es ihm, als ob er den Mann kenne, der lebendig hier vor ihm stand. Und als der Lehrer anfing zu sprechen, da kannte er auch seine Stimme. Aber er wußte nicht, woher.
An diesem Tag aber fing Georgs heimliches Glück und Unglück an. Denn diese Liebe trug alles in sich, was zu einer rechten, heimlichen Liebe gehört: Begeisterung, Sicherheit, da sie einem niemand streitig machen kann, der sie nicht ahnt, Wonne des Genießens und Schmerz des Entbehrens.