Der Lehrer gab Stunden in Literatur, Kunstgeschichte und Weltgeschichte und war ein Mann, der in seinen Gegenständen lebte und sie herzlich und eindringlich in andere Gemüter zu übertragen wußte. Sein Ton blieb immer schlicht und gelassen und verstieg sich nur in Augenblicken besonderer Gehobenheit zu einer Wärme, die sich dann den Hörenden mitteilen mußte. Wenn dieser Mann ein Stück aus dem Nibelungenlied vorlas, oder wenn er über die Akropolis sprach, oder was es sei, dann bekam alles Leben, echtes, wahrhaftiges Leben.

Dann schien der blaue Himmel Griechenlands auf den weißen Marmor, dann rauschten die deutschen Eichen zu den Heldentaten der alten Recken, dann schwollen die Herzen der jungen Deutschen. Dann schwoll vor allen Georg Ehrenspergers Herz in einer hellen und warmen Begeisterung.

Aber dabei blieb es nicht. Er, der die Begeisterung entfachte, war selber so ein Held. Er war ernst und gütig, und es war kein Zweifel, daß er auch tapfer, treu und stark war wie nur einer. Er verstand sie alle, die Helden des Geistes und des Arms, darum stand er über allen. So schien es dem Knaben. Und es war nur schade, daß der Lehrer es nicht wußte, daß er so etwas Großes sei. Er wäre vielleicht manchmal mutiger nach seiner Wohnung zurückgekehrt, wenn er das helle Feuer in seines Schülers Herzen gesehen hätte. Aber er sah es nicht. Georg Ehrensperger verbarg es sorgfältig. Nur zu gut verbarg er es.

Aber eines Tages bekam er etwas davon zu sehen. Einmal und dann nicht wieder.

Es war an einem warmen Nachmittag, der sich schon dem Abend zuneigte. Sie hatten beide, ohne daß einer vom andern wußte, die steile Höhe erstiegen, die gleich hinter der Stadt ansteigt und die vom Walde bekrönt ist, und hatten beide etwas in den Wald hineingetragen, das in der ruhevollen Stille hier oben ausklingen und verebben mußte; der Jüngere eine herzklopfende Unrast, die ihm heut nachmittag der Eichendorff und der Lehrer miteinander geschaffen hatten, der eine als Dichter, der andere als Rezitator.

Und der Ältere eine Niederlage, die ihm seine schulmüden Nerven und ein paar ausgelassene Schlingel miteinander bereitet hatten. Er war heftig geworden und hatte das Buch mit hartem Nachdruck zugemacht als ein Besiegter, nicht als ein Sieger.

Nun lag die Stadt unter ihnen. Der Sonnenschein lag still darüber; es war Sommer. Hier oben rührte sich nichts. Kaum daß ein Lüftchen durch die Baumkronen hinging, oder eine Eidechse mit leisem Rascheln durchs Gebüsch schlüpfte. Auf einem schmalen, grün bewachsenen Fußsteig ging Georg Ehrensperger dahin. Gleich daneben führte die weiße Straße durch eine Birkenallee. Dort ging der Lehrer. Er trug den Hut in der Hand und ließ sich den heißen Kopf verlüften, und hie und da blieb er stehen und atmete tief auf. Er war hier zu Hause, es brauchte nicht lang, bis die stillen Geister des Waldes ihr sänftigendes Werk an ihm getan hatten. Da freute ihn wieder der wilde Rosenstrauch am Wege, und der Ameisenhaufen, und das leise Spiel der Birkenblätter über ihm.

„Die armen Kerle,“ sagte er und gedachte seiner jungen Leute; „es sind so baumstarke Burschen unter ihnen; was wollen die von der Poesie? Sich recken und vertoben möchten sie. Etwas schaffen mit ihren Gliedern.“ Er sah an seiner eigenen, schmalen Gestalt hinunter. Er hatte freilich keinen Überschuß an Körperkräften. Er lächelte, es war etwas Befreites darin. „Es möchten doch zehn Fromme in Sodom sein, oder fünf.“ Er ließ die Gesichter seiner Schüler an sich vorübergehen. „Ganz umsonst — ein Schlag ins Wasser — nein, das ist es doch nicht, was ich tue. — Der? Oder der? Der Ehrensperger, das ist ein besonderes Kraut. Dumm ist er nicht, aber zerstreut. Daß ich den nicht anzufassen verstehe. Aber was ist das?“ Da schallte eine helle Knabenstimme durch die Büsche. Es war von einem, der sich ganz allein dünkte. Was war das? Das hatte er heut vorgetragen. Da schoß ihm eine lichte Freude durchs Herz. Er stand still. Da drinnen schritt der lange, blasse Junge, der ihm soeben so stark nachzudenken gegeben hatte. Er hatte die Mütze tief im Nacken und sein Gesicht strahlte von heller Begeisterung.

„Laß die Ketten mich zerschlagen;
Frei zum schönen Gottesstreit
Deine hellen Waffen tragen,
Gib zur Kraft die Freudigkeit!“

Wie es darin klirrte von „hellen Waffen“, wie es sich reckte von Freiheitsverlangen, alles war frisch und stark und aufgerichtet darin. Das war der Träumer? Jetzt hatte er ein waches Gesicht. Alle guten Geister wohnten darin. Und der Lehrer wußte mit einemmal: „Der da gehört zu deiner Gemeinde.“ Das war nichts kleines. Er wollte ihn aber vorübergehen lassen, still und ohne ihn zu stören.