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Das Singen wurde mächtiger und schwoll ungeheuer an.

Kam der Gesang wohl auch aus Belgien her mit dem Wind?

Gestern war im Tagesbericht ein Satz gestanden, der kam der Schmidbergerin nun wieder in den Sinn. Er sprach von Flandern: Heute drangen unsere jungen Regimenter, »Die Wacht am Rhein« singend, unaufhaltsam in die Stellungen des Feindes ein und nahmen dieselben.

Da, als sie die vielen, vielen Gesellen singend in den Kampf und in den Tod gehen sah und den Gesang aus dem Wald heraus zu hören meinte, und ihr Herz sich wieder weitete, daß es nicht mehr an den Gottlieb allein dachte, da brach auf einmal das Grundwasser aus der Tiefe herauf mit Macht; warme Tränen flossen ihr stromweis übers Gesicht, ohne daß ihnen gewehrt wurde, und während sie flossen, fand die Schmidbergerin wieder ihr altes Wörtlein »wir« und »unser« und sagte in ihrem Herzen ganz von selber:

»Es sind doch Prachtskerle, unsere. Mit Singen gehen sie ins Feuer. Da müssen wir freilich siegen.«

Das Grundwasser aber trug auch das hinweg, bis nichts mehr war, als ein großes Wohlmachen und ein Leichtwerden, ein Getröstet- und ein Beruhigtsein, da versiegte es nach und nach und zuletzt hing nur noch die eine oder andere Träne an den Wimpern und erglänzte matt im Sternenlicht.

Die Schmidbergerin ließ mit sich geschehen, was geschah und tat nichts dazu und nichts davon.

In die letzten Tränen hinein lachte sie ein bißchen und sagte gutmütig zu sich selber: »Jetzt das sollte die Lene gesehen haben.«

Darauf fing sie sachte an, niederzusteigen und war froh, daß niemand kam und fragte, was sie da oben so spät noch geschafft habe, da sie es ja doch niemand hätte sagen können.