Jetzt waren auch schon sechs oder sieben Hirzenbacher gefallen und ihrer noch mehrere verwundet worden und es packte die Schuhmacherin manchmal an, wie wenn eine Faust nach ihrem Herzen langte: das könnte dem Johann auch noch passieren. Dann tat sie geschwind Buß und Reu über aller Ungeduld und gab sich zufrieden mit dem Beharren: bloß wiederkommen soll er, dann soll mir alles recht sein und wenn’s Martini wird.

Neben dem allem her aber war sie unvermerkt recht resolut und meisterhaft geworden. Wenn man den Kindern Vater und Mutter zugleich sein muß und zu allem, was Haus und Herd betrifft, allein hinstehen, da lernt auch ein weichmütiges und zaghaftes Frauelein manches. Zum Beispiel wurde sie dem Daniel, der ihr früher nie recht hatte folgen wollen, so daß der Vater manchmal hatte bedeutsam nach dem Knieriemen gucken müssen, ganz gut Meister, und auch sonst stellte sie ihren Mann, wenn man so von einer Frau sagen darf. Es war alles im Stand, die Haushaltung und die Kuh, der Gemüsplatz und der Kartoffelacker; bloß die Schuhe waren alle durch. Die aber blieben aus einem gewissen Trotz heraus ungeriestert und ungesohlt. Es geschah dem deutschen Reich grad recht, wenn die Bernerskinder keinen guten Schuh mehr hatten; warum behielt es den Schuhmacher so lang draußen? oder auch war eine geheime Hoffnung dahinter: wer weiß, eh’ es einherbstet, so daß man die Kinder um keinen Preis mehr Barfuß laufen lassen kann, kommt er wieder.

Jetzt nachdem man das alles weiß, kann man sich so ungefähr die Gedanken zusammen addieren, die die Schuhmacherin unterwegs hatte, nur muß man dabei auch bedenken, daß der Schorschle die halbe Nacht durchgeschrieen und sie ihn herumgetragen hatte, bis er endlich gegen Morgen wieder das Trömle zum Schlafen fand.

Wie gesagt, der Nero wußte mehr als sie; denn hätte sie gewußt, was er, so wäre sie leichteren Herzens den Berg hinauf gekommen. Aber endlich war sie doch oben. Da war die Sonne schon auf und guckte ihr in den Korb, ob sie auch genug Essen für zwei Mähder bei sich habe. Der Morgenwind spielte mit den Birken, nach denen, da sie ein leichtes Gehölz bildeten, die Wiesen, die hinter ihnen lagen, die Hölzleswiesen hießen.

Die Schuhmacherin mußte durch das Gehölz hindurch. Es wogte und säuselte darin, es wäre ein Garten gewesen, in dem ein Hochzeitspaar nach Herzen hätte spazieren und zärtlich sein können, es hätte gar nichts Schönes gefehlt dazu. Unter dem hellgrünen Dach mit den schlanken weißen Säulen breiteten hohe Farren ihre Wedel aus, und allerlei blühendes stand daneben und dazwischen: Goldrute, Johanneskraut, Weidenröschen und hochstengelige, weiße Doldenblütler, von denen die Schuhmacherin natürlich keine Namen wußte und sich auch nicht darum absorgte, obgleich sie Freude und Wohlgefallen an allem Blühenden hatte von Haus aus. Ein Kuckuck mußte ganz in der Nähe sein, denn zum Greifen nah tönte sein: kuckuk, kuckuk. Sie nahm sich zusammen, daß sie nicht fragte: wie lang dauert’s noch, bis der Krieg aus ist? Denn sie fürchtete, er möchte gar zu lang fortschreien und dann hätte sie die Bescherung, obgleich sie gleich nachher dachte, als er richtig gar nicht aufhörte: es sei ja gar nicht ausgemacht, ob Tage, Wochen oder Monate gemeint seien.

Mittlerweile nahm aber das Holz ein Ende. Die freien Wiesen, nur an den Rändern mit einem und dem andern Kirsch- oder Birnbaum besetzt, lagen vor ihr auf der weiten Hochfläche. Hinten am Horizont sah man die Albberge in bläulichem Duft.

Aber die Schuhmacherin sah nicht nach den Albbergen hin. Sie rieb sich die Augen, als ob ihr etwas hineingeflogen wäre, so daß sie das Doppelsehen hätte, und sagte geschwind die Wochentage her, zur Sicherheit, daß sie nicht im Traum wandle. Denn da vor ihr auf der übernächsten Wiese waren unzweifelhaft zwei Mähder. Der eine war der Dötlesvetter, da war nichts übersinnliches dabei. Er fuhr gerade ein paarmal mit dem Wetzstein über seine Sense und dann mit dem Sacktuch übers Gesicht. Das war mit einem Augenwink festgestellt.

Aber wer, du lieber himmlischer Vater, mähte zehn Schritt hinter ihm mit lang ausholendem Schwung, daß die Sense wie ein Blitz durch die Schwaden fuhr? Wer hatte so rötlich-gelbes Haar auf dem Kopf, aufrecht und bolzgerade wie eine Wurzelbürste, und so eine Statur, kurz und postiert?

Die Schuhmacherin traute sich keinen Schritt vorwärts. Denn so etwas, wie es ihr mit Jubel und Tirelieren durch die Seele flog, gab es ja nicht in Wahrheit auf Gottes Erdboden. Auch hatte der Mann dort einen Vollbart, aber ihr Johann war nur mit einem kleinen Schnurrbart ausgezogen.

Doch aber hing ein feldgrauer Rock in den untersten Ästen des Kirschbaums und dabei etwas, das eine Mütze und ein Seitengewehr sein konnte. Ein Urlauber also. Aber so etwas zu erzählen, dauert viel zu lang, denn mit zwei, drei Schlägen hatte das Herz es schon heraus. Es tat einen Ruck und Zuck, sagte: er ist’s, und ließ sich sonst auf gar nichts ein.