Der Mähder aber hatte scheint’s ein ähnliches Herz, den Kameraden zu dem der Schuhmacherin. Er fuhr mit einem Schwung herum, als sein Herz sagte: paß auf, sie kommt, und dann pflanzte er den Sensenstiel in den Erdboden hinein wie eine Fahnenstange und war mit ein paar Sätzen bei ihr.

Der Dötlesvetter stand von ferne und lachte, denn es gefiel ihm wohl, zu sehen, wie die zwei Leute mit hellen und frohen Gesichtern das Wunder erlebten, auf einmal wieder heil und gesund nebeneinander zu stehen, da sie seither so lange in zwei Welten gelebt hatten, weit voneinander geschieden und ohne Sicherheit des Wiedersehens.

Dann, als er ein paar Augenblicke von weitem verharrt hatte, trieb es ihn doch, daß er herankam und der Schuhmacherin erzählte, es habe ihn fast der Schlag getroffen, als er um zwei Uhr aus dem Holz herausgekommen sei und im Zwielicht einen Mähder an der vollen Arbeit gefunden habe. Der Mond sei noch hinter ihm am Himmel gestanden und er habe einen langen Schlagschatten auf die Wiese geworfen, und ihm, dem Dötlesvetter, sei es einen Augenblick gewesen, das sei der Johann, aber im Geist, und melde sich, daß er gefallen sei. Man habe solche Beispiele schon des mehreren gehabt.

Aber es habe ihn angetrieben, den Mähder auf alle Fälle beim Namen zu rufen. Da sei es leibhaftig und im Fleisch der Johann gewesen, der in Urlaub vom Gossenstadter Bahnhof her über den Berg gekommen sei, und, da die Sense im Baum gesteckt sei von gestern her, nicht habe vorbei können, ohne ein paar Züge zu tun. Dann freilich habe er nicht mehr aufhören können, wie das so sei, wenn man einmal im Zug sei mit einer gut gedengelten Sense. Darauf habe er, der Dötlesvetter, sich im Reuthof noch eine Sense geholt und sie haben selbzweit gemäht, bis sie, die Schuhmacherin, gekommen sei. Aber gelt, so eine Überraschung in aller Herrgottsfrühe treffe man nicht alle Tage!

Es war einesteils gut, daß der Dötlesvetter so redselig war. Das half den beiden Leuten übers allererste hinüber, da sie wie auf den Mund geschlagen waren und keines anfangen konnte, etwas rechtes zu sagen, oder dann meinte, seiner Lebtag nicht mehr aufhören zu können mit Erzählen, wenn einmal angefangen sei.

Wie, dem Hörensagen nach, einem Ertrinkenden in ein paar Sekunden zusammengedrängt sein ganzes Leben, Bild auf Bild, erscheint und abschnurrt wie von einer Spindel, so kam dem Urlauber und seinem Weib geschwind alles auf einen Haufen, was sie erlebt und erlitten hatten in der Zwischenzeit und es nahm sie wunder, wie sie durch den Berg gekommen waren, der nicht von Pfannkuchen gewesen war wie im Schlaraffenland, sondern von zähem Lehm und sprödem, hartem Stein mit Erz und Blei darin.

Die Schuhmacherin, als die ersten Ausrufe, wie: »Ja grüß dich auch Gott!« und: »Gelt, da guckst!« und: »An dich hätt’ ich jetzt zuletzt gedacht!« gefallen und verklungen waren, ergriff zuerst das Wort bei einem Zipfel und das Hemd ihres Mannes bei einem klaffenden Riß, der unterm Arm einsetzte und in der Mitte des Rückens verlief, und sagte halb lachend und halb in Angst: »Bei euch muß es schön hergegangen sein dem Anschein nach.«

Denn sie dachte nicht anders, als der Riß sei im Kampf und Handgemenge entstanden, etwa wie es bei einer Kirchweihrauferei gehen kann, nur natürlich im blutigeren Ernst, aber doch ausdenklich und begreiflich.

Aber ihr Johann berichtete, das Hemd sei ihm beim Mähen verkracht, als er geschwitzt habe und es habe ihn schon vorher ein wenig gespannt im Armloch, und mit diesem spielte sich die Unterhaltung sogleich auf das Sichtbare und Gegenwärtige hinüber.

Die Herzklappen, die gemeint hatten, es müsse hier und auf der Stelle alles ausgeräumt sein, schlossen sich wieder über ihrem Inhalt bis auf eine gelegene Zeit. Die Schuhmacherin tat das Morgenessen aus dem Korb: Musmehlsuppe, Grundbirnen, Speck und ein kleines Fläschlein mit Kirschenwasser, und es fand sich, daß es gut für zwei reichte. Das Warme hatte sie sorglich in wollene Tücher eingeschlagen, es dampfte den Hungrigen angenehm entgegen.