Die Wahrheit zu gestehen, hatte sie gedacht, selber mit dem Dötlesvetter da oben zu frühstücken, um ihm ein wenig Gesellschaft zu leisten. Jetzt aber tat sie sehr verwundert, daß sie zwei Löffel im Korb habe, es gehe manchmal merkwürdig zu. Einmal vergesse man das wichtigste und ein andermal habe man es doppelt und beides sei, weil man so vielerlei im Kopf habe, an was man denken müsse. Aber anrühren wollte sie nichts, keinen Bissen. Die Freude sei ihr in den Magen gefallen, sie sei so satt, wie wenn sie grad erst gegessen hätte. Zusehen aber wolle sie, sie müsse doch auch sehen, ob der Mann noch wisse, wo man den Löffel hineinschiebe und wie man ihn halte, sie habe sich schon sagen lassen, da draußen verlernen sie alles.

Als sie einmal das Trömle gefunden hatte zum Reden, fiel ihr immer wieder etwas ein, das sie rasch und lebhaft vorbrachte.

Der Nero habe doch etwas gewußt, er habe mehr als Menschenverstand und werde sie schön auslachen, wenn sie heimkomme. Sie sei bloß begierig, was die Kinder machen. Zwar vom Daniel wisse sie’s schon. Bei dem sei das erste, daß er des Vaters Kappe aufsetze und nach dem Seitengewehr lange, der sei im Schlaf und im Wachen Soldat. Aber das Lenele tue vielleicht zuerst fremd wegen des Bartes und der Schorschle wisse noch gar nicht, was das sei, ein Vater. Der kenne bis jetzt bloß eine Mutter und auch die hauptsächlich des Schoppens wegen, und die Welt sei ihm noch eine neue Gegend, er staune immer so mit den Augen um sich her.

Das letztere tat aber der Vater selber auch. Er sagte fast gar nichts, das Weib mochte vorbringen, was es wollte. Es probierte noch dies und das, ob es besser verfange. Aber er gab zu allem nur ein kurzes Wörtlein oder auch gar keins, machte ein freundliches Gesicht dazu, das wie ein Dank aussah, weil sie es so wohl und gut meinte, und ließ dann seine Augen wieder hinausgehen. Es war die Heimat, die er wieder sah. Lieblich und schön trat sie an sein Herz, das im wilden Graus und Schreck des Krieges, in der lähmenden, aufzehrenden Mühsal des Schützengrabens gewesen war.

Hoch und heiter stand der Himmel über ihr; in dem leichten Morgenlüftchen wogte das Gras der weiten Wiesenfläche wie ein Meer, eine Grasmücke sang unweit von hier auf einem schwanken Halm, helle und dunkle Baumwipfel grüßten vom ferneren Waldrand herüber, Kirchturmspitzen, Hausdächer, leichter, heller Rauch aus den Schornsteinen zeigten, wo Menschen friedlich wohnen und hantieren, die Albberge leuchteten still, und nirgends war ein wilder und frecher Laut, ein Krachen, Donnern oder Stöhnen. Eine Kirchenuhr schlug, und ihre Schwestern in der Runde kamen ruhig und gelassen hinter ihr drein. Der Urlauber strich sich mit der Hand übers Gesicht und der Atem kam und ging ihm hörbar.

»Er ist müd,« sagte der Dötlesvetter. »Ein Wunder ist’s nicht. Nacht und Tag hindurch fahren, dann von Gossenstadt herüber laufen und gleich mähen. Bleib’ noch ein bißle sitzen, Johann, ich mach’ derweil weiter.«

Aber: »Was werd’ ich denn müd’ sein,« sagte der und stand auf, reckte die Arme und nahm die Sense wieder.

»Es ist bloß, wenn man so sieht, wie alles daheim ist, und man ist so lang fortgewesen und hat Sach’ gesehen, o je, Sach’, daß es einem graust, dann muß man sich zuerst ein Stückle wundern, daß man da ist.«

Die Schuhmacherin packte ihr Geschirr zusammen.

»Ich muß heim,« sagte sie, »der Schorschle wird aufgewacht sein und schreien und der Daniel muß in die Schule. Ich komm wieder, so schnell als möglich komm’ ich wieder, mit dem Fuhrwerk und dem Mittagessen und den Kindern.«