Ob der Mann mit heimgehe, fragte sie gar nicht. Was wird denn der Hausvater davonlaufen mitten im Heuet, und was soll er denn daheim tun?
Sie kehrte sich aber noch ein paarmal um, ehe sie im Hölzle verschwand und strich mit den Augen am Mann hinauf und hinunter. Denn diese wollten sich nicht gern von seinem Anblick trennen, erst recht nicht, da sie sahen, auch er schicke die seinen hintendrein so lang als möglich. Er hatte ein anderes Gesicht mitgebracht, als er fortgenommen hatte und das machte der Bart nicht allein. Man sah es, wenn er still war, und darum hatte die Schuhmacherin immer wieder etwas zum Reden aufs Tapet gebracht, weil ihr das Gesicht weh tat. Weil etwas Fremdes drin war.
»Der Dötlesvetter hätt’ nicht gleich dabei sein sollen,« sagte sie plötzlich, und dann überfiel sie auf einmal nachträglich noch das Heimweh, das sie um ihn getragen hatte, so stark, daß es ihr ein paar Herzstöße gab und ein warmer Regen niederging aus den Augen ohne vorherige Anmeldung. Aber es war doch nur ein Sonnenregelein.
Denn: »Was heulst denn jetzt, dumms Weib,« sagte sie sich; »hättst lang Zeit dazu gehabt, jetzt ist er da und du brauchst nicht alles auf einen Sitz zu wissen, was ihn angeht. Es kommt schon nach und nach heraus. Jetzt bringst ihm seine Kinder und machst ihm das Herz warm. Er wird’s nötig haben, denk’ ich.«
Und damit war auch schon die Steige erreicht, die fußelte sie hinunter, wie ein ganz Junges, und wer sie sah, der brauchte nicht zu fragen: »Was ist dir auch Gutes passiert, Schuhmacherin?« denn immer von neuem tat sie es ungefragt kund:
»Mein Johann ist im Urlaub da. Droben heuet er auf der Hölzleswiese.«
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Jetzt wenn man ein Herz hätte für die Schuhmacherin und wäre zufällig gerade in Hirzenbach, so möchte man ihr wohl ein bißchen zur Hand gehen. Denn sie muß ruhig dasitzen und den Schorschle stillen, der aufgewacht ist und bloßgestrampft, und der schreit, als ob er die ganze Welt zum Zeugen aufrufen möchte, daß er Hunger hat und daß die Mutter nicht da ist. Für ihn ist alles recht und in Ordnung, so bald er an der Quelle liegt, umfangen von Mutterarmen. Er nimmt sich auch recht herzlich Zeit zum Sattwerden, setzt hie und da ab und guckt ausruhend um sich her. Zum Beispiel der Bändel an der Mutter Leibchen, der ist ihm neu, nach dem langt er und spielt damit. Es wäre am schönsten, wenn man’s grad immer so ließe, wie es jetzt ist. Dem Schorschle gefällt es so am allerbesten.
Aber die Mutter ist heute nicht so bei der Sache wie sonst manchmal. Sie sagt von Zeit zu Zeit: »Mach’, Büble, meinst ich hab’ nur so Zeit zum hinsitzen?« Alle Arbeit rings umher steht auf und ruft: Schuhmacherin komm! Sie sollte drei Paar Hände und Füße haben, daß sie die Großen fertig macht und mit Essen versorgt, die Stuben sauber macht, so daß der Mann, wenn er heimkommt nach so langer Zeit, sieht, sie hat die Sache im Stand. Und so ist’s mit Werkstatt, Stall und Küche. Alles soll grüß Gott zu ihm sagen, wenn er kommt. Da oben sind Spinneweben über dem Fenster, die sieht sie, so lange der Schorschle ganz pomadig schmatzt, und möchte aufstehen und den Besen holen.
»Mach’ ein bißle, Schatzenkind.«