Zum Mittagessen muß sie auch etwas rechtes herschaffen. Denn was mag er draußen gegessen haben? Sie muß ihn jetzt herpflegen, es muß ihm wohl sein. Und daneben muß sie sich regen, daß sie zeitig wieder hinauskommt, nicht bloß weil das Heu gespreitet sein muß, auch sonst, überhaupt. Wenn doch der Mann da ist.

Der Daniel, das Lenele und der Nero stehen um sie herum und staunen, als sie die Botschaft vom Vater hören. Das heißt, der Nero staunt nicht. Er ist bloß zu höflich, als daß er sagt: Ich hab’ dir’s doch schon lang gesagt. Er wedelt ganz anständig mit dem Schwanz, wie ein Diplomat, der in einem Salon von einer Sache hört, die er längst weiß, aber nicht wissen darf sozusagen, und der sich verbeugt: »Ach, was Sie nicht sagen. Das ist mir ja sehr interessant.«

Gern aber sähe man dem Daniel und dem Lenele ins Herz, was wohl in der Zeit seines Fortseins aus dem Vater geworden ist bei ihnen. Sie haben ihn noch nie in der Uniform gesehen. Er ist abgereist mit einem steifen Hut, im braunen Anzug und mit einer blaugrün gestreiften Krawatte, einen Reisesack in der Hand. In dem Reisesack hat er sonst Schuhe ausgetragen auf die Höfe in der Umgegend. Nun aber ist er, dem Hörensagen nach, ein Soldat und wird wohl ein Gewehr haben und einen Säbel, und mit beiden wird er wohl Franzosen oder Engländer oder Russen, oder auch alle Arten, die schwere Menge umgebracht haben. Das ist hochinteressant, aber auch ein bißchen grausig, bloß ein bißchen. Eigentlich ist es prachtvoll; man muß machen, daß man ihn sieht, denn wie er aussieht, das weiß man nicht mehr recht, es ist schon so lang her, daß er fort ist.

Als der Schorschle endlich einmal fertig ist und im Wagen liegt und die zwei Großen zum Waschen und Kämmen drankommen, wundert sich die Mutter, wieso sie denn immer die Köpfe zusammenstrecken, wie ein paar junge Wagengäule, und es miteinander wichtig haben mit Wispern und Flüstern. Aber sie ist zu stark überlenkt mit der Arbeit, als, daß sie viel früge, entläßt den Daniel in die Schule und das Lenele zur Dötlesbas um einen Strauß aus dem Garten für die blaue Blumenvase, und fährt im Haus herum wie auf Rädchen, um allem nachzukommen.

Wenn sie aber die Gabe hätte, ein bißchen weiter hinauszusehen, als bis an die Stubenwand, so sehe sie gleich darnach einen Buben, der listig und verstohlen seinen Schulsack in das Häuschen im Schulhof legt, dann auf seinen Barfüßen springt, so schnell sie ihn tragen wollen, bis an den großen Nußbaum vor dem letzten Haus, und dort umheräugt, ob ihm niemand auf den Fersen ist. Und sähe ein Mädelein mit zwei frischgeflochtenen Zöpfen, das nichts weniger als zur Base, das gleichfalls, durch Grasgärten und Hecken hindurch, zu dem Nußbaum hintrottet und dort den Bruder findet. Sähe, wie die zwei miteinander die Steig hinauflaufen, der Hölzleswiese zu, wo der Vater ist.

Vielleicht ist es gut, daß sie’s nicht sieht. Denn Schand- und ehrenhalber müßte sie ihnen nachlaufen und sie zur Pflicht zurückführen. Auch macht sich’s vor dem Vater immerhin schlecht, wenn sie die zwei Großen so wenig am Leitseil hat, daß sie nur grad durchgehen, wenn’s ihnen einfällt. Und sie hat doch keine Zeit zum Nachlaufen und keine Lust zum Ärgern.

So aber ist’s den zwei flüchtigen zumut, wie sie miteinander durch das Hölzle streichen und sich hie und da umsehen, ob niemand hinter ihnen ist: es gibt eine schöne Geschichte, da wirft sich die Heldin dem Helden an die Brust und sagt: »Ich weiß, daß ich sündige, aber ich tue es willig und gern.«

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Ein paar Minuten später wußten sie, wie der Vater aussah. Nicht viel anders als sonst, abgerechnet den Bart. So wie jetzt, im gestreiften Hemd, die Ärmel hoch hinaufgeschlagen, rüstig mähend, hatten sie ihn noch irgendwo in einem Gehirnschublädchen von früher her. Den Bart hatte ihnen die Mutter schon angekündigt. Er hatte gar nichts grausiges an sich. Als er seine Jugend sich daherschlängeln sah, lachte er übers ganze Gesicht, ein grüß Gott ums andere. Sie spürten beiderseits, daß sie nah zusammen gehörten; die Kinder schneckelten sich an ihn hin und umfaßten seine feldgraue Hose, und der Vater spürte mit Herzklopfen, was es gewesen wäre, wenn er diese beiden nicht mehr gesehen hätte. Es war nah genug dran gewesen.

Er sah in ihre Gesichter hinein. Das Lenele war ein feines, blondes Dinglein mit einem Schelmenzug um das rote Mäulchen und krummen Haaren rings um das Gesichtlein herum, und es fiel dem Vater auf einmal wie von fernher ein, daß seine blauen Augen schon einmal in einem Gesicht gestanden seien. Aber in welchem? Er hatte doch seine Mutter nicht als Kind gekannt, begreiflich, aber sein Herz beharrte drauf, das Lenele habe die Augen von seiner Ahne, von des Vaters Mutter. Er hatte das Köpflein in seine beiden großen Hände genommen, aber es schüttelte sich darin, es war nicht gern eingesperrt. Da ließ er’s los und das Kind hüpfte um ihn herum, wie ein Gaislein, nur daß es hie und da einen Fuß hinaufzog, der frischen Stoppeln wegen, die in seine Barfüße schnitten.