»Heute, den dreiundzwanzigsten fahre ich fort, zu schreiben,« begann das Blatt.

»Ich schreibe in der grauenden Morgenfrühe. Die andern schlafen noch; mich hat in der Nachtwache der Gedanke begleitet, daß heute dein Geburtstag sei; ich will diese eine, stille Morgenstunde bei Dir sein, Maria. Wer weiß, wie es den Tag über sein wird? Ob Du es weißt, wie ich an Dich denke? Ich wollte es Dir sagen, eh’ ich ging. Aber als ich im Garten auf Dich wartete, kam Deine Mutter und war gütig und freundlich mit mir und sagte fast zärtlich: Du bist noch solch ein Knabe, Richard, und willst schon in den Krieg ziehen? kannst Du es gar nicht erwarten, bis sie Dich rufen? Da dachte ich, auch Du würdest mich noch für einen Knaben halten, und mich auslachen, wenn ich Dir von meiner Liebe sage. Und ich tat es nicht. Aber, Maria, wenn ich an Deine Augen denke beim Abschied, und an den Rosenstrauß, den Du mir gabst, und an Dein: komm’ wieder, komm’ gewiß wieder, dann wünsche ich fast, ich hätte es getan.

Nun muß ich warten, bis ich wieder komme. Und Du? vielleicht wartest auch Du. Wir sind noch so jung, Maria, so jung. Alles Schöne wartet noch auf uns. Und auch wir warten auf alles Schöne. Ich habe nicht gewußt, daß das Leben so etwas Prachtvolles ist, bis jetzt, wo so viele sterben.

Ich wollte, ich könnte Dir diesen Morgen zeigen. Hoch über der …höhe steht noch der funkelnde Morgenstern. Aber vom Osten her kommen kleine, rosige Wölkchen gesegelt, dort bereitet sich schon etwas vor, und die lange, flache Hügelreihe hat einen roten Saum.

Im Tal unten aber wogt der Nebel wie ein Meer. Wenn der Vorhang aufgeht, ist der Krieg wieder da. Eigentlich ist er immer da, nur – manchmal versucht man, ihn wegzudenken, nur auf eine Weile, versucht das Schöne zu denken, das noch irgendwo ist, und einmal wieder Gegenwart sein muß. Ich sage Dir, Maria (aber Du wirst diesen Brief nicht bekommen) ich bin kein Knabe mehr. Ich – ich sage Dir alles, wenn ich heimkomme, am selben Tag noch, in derselben Stunde.

Im Blockhaus regt es sich, der Tag beginnt. Nun bin ich bei Dir gewesen und Du weißt es nicht, Du wirst …«

Hier war das Blatt zu Ende.

»Wer weiß, Maria, vielleicht bekommst Du ihn doch.«

Düring wußte, wen der Freund meinte.

Er hatte nicht von ihr geredet. Aber man kannte einander doch; man brauchte doch nichts zu sagen, wenn man sich seit der frühesten Kindheit kannte.