Sie wohnte in dem schönen, alten Hause, das einst ein Kloster gewesen war und dessen Gartenmauer von einem einzigen uralten Rosenstock übersponnen war.

Wenn er nun eines Tags in diesen Garten träte und ihr das blutige Blatt brächte – falls er nämlich selber zurückkäme – und sagte: das ist das Letzte, was mein Freund geschrieben hat und es ist für Sie, Maria.

Ob sie dann weinen würde? Sie war ein schönes, stolzes Mädchen und trug den dunklen Kopf immer sehr hoch und aufrecht.

Hoffentlich würde sie weinen; hoffentlich tat es ihr weh und schuf es ihr eine Wunde, daß er, der sie heimlich im Herzen trug, hinweg gemußt hatte, eh’ er auch nur einen einzigen Schritt zu all’ dem Schönen hin hatte machen können, zu dem Schönen, das er auf sich warten sah. Es tat ihm wohl im Herzen, zu denken, sie sei dann tiefbetrübt und neige ihr Haupt mit den schweren Zöpfen, und sage zu ihm, dem Freund ihres Liebsten: o warum mußte gerade er es sein?

Als er solchergestalt seinen Gedanken nachhing, hörte er die andern neben sich von einer Sache reden, die ihn aufhorchen ließ.

»Es hätt’ nicht sein müssen,« sagte der bärtige Unteroffizier. »Aber wie es oft geht, er hatte den Rotenburger so ins Herz geschlossen und wachte so über ihn, als ob er der Ältere wäre und der Rotenburger das halbe Kind, nicht umgekehrt. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, dem Mann, dem in den letzten Wochen daheim ein Bub geboren worden war, dürfe nichts geschehen.«

»Und dann?« fragte die Schwester, die neben ihm den Jäger mit den zerschossenen Armen fütterte.

»Dann? Am Abend vorher bekommt der Rotenburger mit der Feldpost einen Brief von seinem Weib und ein Bild, auf dem sie, das Jüngste auf dem Schoß, mit ihren Vieren abgebildet ist. Das Bild geht von Hand zu Hand, und es ist wahr, sie sieht darauf aus wie eine Gluckhenne mit ihrem Volk. Dem Jungen, dem Munk, aber zeigt er den Brief. Wie die Weiber manchmal sind, es steht – ich hab’s nicht gelesen, aber allem nach ist es so der Fall – viel von Heimweh drin und Sehnsucht nach seinem Kommen, und Fragen, ob der Krieg nicht bald aus sei. Und der Rotenburger läßt den Kopf hängen, wie die Leute das nach solchen Briefen an sich haben – der Kuckuck soll sie holen, wenn sie ins Feld nichts anderes zu schreiben wissen, die Weiber. Aber der Junge ist immer um ihn her und studiert an dem Bildchen herum und macht Witze, daß der Kleinste die Nase seines Vaters habe, eine Nase, in die es bequem hineinregnen könne, und daß das große Mädchen, das Älteste, scheint’s aus dem Mohrenland stamme, wenn der Photograph nicht beschummelt habe, so schwarz sei es. Und solche Sachen mehr, bis der Rotenburger wieder aufgeräumt ist und mittut.

Soweit ist es also ganz gut.

Aber am andern Morgen kommt Befehl an uns, das Gehölz links am Schrägabhang bei unserer Stellung nach feindlichen Truppen abzusuchen, die sich dem Anschein nach drin versteckt halten. Und der Feldwebel kommandiert mich mit meinem Zug dazu, da ist der Rotenburger auch dabei, der Munk aber nicht.