Und wenn eine Todesnachricht kommt, daß einer gefallen sei, so weinen sie auch stolz, und frömmer und aufrechter ist noch nie ein Leid getragen worden.
Das alles, ihre Liebe und ihre Angst und Freude und ihre traurigen Schmerzen werfen sie alles auch in den Strom und jedes ist eine Welle darin von lauter Herzblut.
Und auf dem Strom kommt dann schließlich und endlich das große Schiff gefahren, das den Sieg und den Frieden bringt.
Aber ich stehe nebendraußen und habe nichts hineinzuwerfen. Das kränkt mich im Herzen, je länger es dauert, desto mehr.
Dann, wenn mich der liebe Gott gefragt hätte: ja hast du denn gar nichts, was du hineinwerfen kannst, daß es zu Herzblut wird? Dann hätt’ ich sagen müssen: also ich will dir grad alles herlegen vor Augen, dann kannst du’s selber sagen.
Ich schicke öfters einmal Feldpostpäckchen an Bekannte. Viele von ihnen habe ich schon als Kinder gekannt. Die Kinder kommen gern zu mir an die Schifflände, weil ich ihnen Geschichten erzähle. Wir sind gut Freund miteinander.
Auch stricke ich immer Soldatensocken. Was ganz arme Leut sind, von denen nehme ich nichts dafür. Die Birnen von meinem Baum habe ich ferndig gedörrt und ans Rote Kreuz geschickt, heuer trägt er nicht viel. In die Kriegsbetstunde geh’ ich auch alle Mittwoch, da singe und bete ich andächtig mit. Zweihundert Mark Kriegsanleihe habe ich auch genommen. Aber das ist doch alles nichts. Ich möchte gern etwas tun ganz aus meinem Herzen heraus und wenn es auch nur ein einziges rotes Tröpflein gäbe.«
Dann hätte der liebe Gott vielleicht gesagt. »Ja, muß es denn aber grad ein Soldat sein, dem du das tun willst aus deinem Herzen heraus?«
Und dann hätt’ ich in Gott’snamen mein Herz in zwei Hände genommen und hätt’ gesagt: »Ja, Herr und Gott, weil du doch einmal fragst, es muß grad ein Soldat sein. So ist mir’s, ich mach’ mich nicht anders.«
Als Jungfer Christiane so weit gekommen war, klopfte es sachte an ihrer Herzenstür an, und als sie aufmachte, stand ein Büblein davor, das sie mit Freuden hereinließ. Sie kannte es schon von Mutterleibe an, es war eines Lehrers Sohn und ihr nächstes Nachbarskind gewesen. Seine Mutter war gestorben, als er sich von ihr hinweg die Tür in diese Welt herein suchte. Eine Ahne hatte ihn aufgezogen, die war alt und müd von Arbeit und Kummer gewesen und hatte nicht viel Kinderfreude mehr fassen und austeilen können. Aber das Büblein war sonnenhungrig gewesen und war aus seines Vaters Haustür gegangen, um einzufangen, so viel sein Herzlein brauchte. Da war er auf Jungfer Christiane gestoßen, die hatte damals noch eine Freude am Zeithaben und ein warmes, geruhiges Herz, kein brennendes. Grad so eins, wie ein Kind es braucht. Und es war eine Freundschaft entstanden: es gibt irgendwo ein schönes Bilderbuch, da guckt eine dicke, runde, strahlende Frau Sonne über einen Gartenzaun, und in dem Garten steht eine Sonnenblume und lacht ihr grad ins Gesicht und sieht ihr so sonnenähnlich, grad als ob sie ihr Junges wäre. So war die Freundschaft. Jungfer Christiane hatte immer einen Schwanz von Kindern an sich hängen, aber das waren so Kinder, die kamen und gingen, eine Geschichte und eine Birne holten, und im übrigen mit einem kurzen Bändel am Herzen ihrer Mütter angebunden waren. Die Mütter durften nur einen kleinen Zuck an dem Bändel tun, so sprangen sie ihnen zu, von allem weg und auch von der Jungfer Christiane weg, da war gar nichts zu wollen, und das mußte auch so sein. Aber so war es mit dem Lehrersbüblein nicht. Sein Vater meldete sich vom See weg, denn er war ihm zu traurig geworden, und das Büblein ließ er vorderhand da; eigentlich ließ er es der Jungfer Christiane. Das war nicht die Meinung, aber es machte sich so, da kam es auf die Meinung nicht an.