Sie pflanzten miteinander Frühjahrs- und Sommer- und Herbstblumen auf das Muttergrab und auf noch ein paar andere Gräber, die der Jungfer Christiane am Herzen lagen. Die hießen sie ihre Gärtlein. Da war ein Muttergärtlein, das blühte den ganzen Sommer lang von Herzensgrund wie ein lebendiges Mutterherz; und ein Herkules-Davidsgärtlein, das gehörte einem alten Pfarrer. Von dem wußte Jungfer Christiane viel zu erzählen, denn er war blind geworden und hatte als blind immer noch gepredigt und sein Hund hatte ihn herumgeführt. In diesem Gärtlein blühte Immergrün, das war ganz wie ein Teppich darüber hingezogen, und ein paar weiße Lilienstengel wuchsen dazwischen heraus. Und da war noch ein Urschelesgärtlein, das gehörte einem ganz kleinen, schneeweißen Engelein, das war bloß ein einziges Jahr auf der Welt geblieben und dann wieder fortgeflogen. Es bekam in jedem Frühling ein Teppichlein von Vergißmeinnicht und Tausendschönchen, und in der Mitte saß ein Busch mit fliegenden Herzen, die man Kinderherzen nennt. Und das mußte alles so sein, wie es war, und alles hatte seinen guten Grund, warum es so sein mußte. Den wußten sie miteinander. Das heißt, Jungfer Christiane wußte ihn und sie erzählte alles, was drum und dran war, ihrem Büblein. Wenn sie an schönen Sommerabenden ihre Gärtlein begossen hatten, so saßen sie wohl noch eine Weile ins Dunkelwerden hinein auf der Kirchhofsmauer. Die war hoch und fest und hatte breite Öffnungen wie Fenster gegen den See hinaus. Darin saßen sie und hörten, wie das Wasser leise gegen das Ufer hergezogen kam und wie die Wellchen mit dem losen Kies spielten. Und sahen, wie die Sonne tief und tiefer sank und das Wasser vergoldete. Eine lange, schimmernde Bahn zog sie darüber hin, darauf hätte man in den purpurgoldenen Himmel hineinschreiten können, wenn man ganz, ganz leichte Füße gehabt hätte. Ein Schifflein schwamm vielleicht weit draußen und fuhr über die goldene Bahn hinüber. Ein Dampfschiff kam gefahren und viele Menschen waren drauf, die fuhren alle irgendwohin, heim etwa, aber wo war ihr Heim? Da gab es viel zu berichten. Das Büblein hörte gläubig zu und zweifelte nie und war ihm alles Wahrheit und lebendiges Leben. Und jenseitige Ufer glänzten herüber. Wenn es dunkel wurde auf der Welt, brannten tausend Lichter in die Nacht hinein. Dann fing irgendwo eine Glocke an zu läuten über den See hin und rief eine andere an, die gab ihr Antwort. Eine um die andere kam und auch die in dem Kirchlein, das in dem schönen Totengarten stand, sang ein frommes Lied in den Abend hinein. Da sangen die beiden Freunde auch eins, eh’ sie heimgingen. Sie hatten aber ein Lieblingslied, das sangen sie Sommer wie Winter am öftesten, obgleich es ein Sommerlied war und ganz in die helle Sonne gehörte und auch aus ihr heraus entstanden war. Das war das Lied: Geh aus, mein Herz, und suche Freud’. Das liebten sie sehr. Sie sangen aber nur die Verse, die zum Sommer gehörten und ihn vor Augen malten, denn für die andern war das Büblein noch zu klein. Jungfer Christiane hatte eine tiefe und etwas rauhe Stimme, schier wie eine Männerstimme. Damit wurde sie viel geneckt, daß sie einen veritablen Baß habe. Aber ihrem Büblein kam ihr Singen schön vor und ihr Erzählen auch.
Ja, aber wo war es jetzt? und warum mußte es bei Nacht und aus weiter Ferne her an ihr Herz treten und anklopfen?
Darüber ist nur zu sagen, daß Jungfer Christiane das mit dem Anklopfen geträumt haben muß, denn es saß bei Tag und Nacht, Sommers und Winters darin, doch aber in einer verschlossenen Kammer, denn es brauchte keinen freien Aus- und Eingang, da es nur eine schöne und liebe Erinnerung war seit langem.
Es lebte irgendwo auf der Welt, in Sachsen, wenn man es hier am See recht wußte, und war ein junger Mann, wahrscheinlich schon ein beinah’ ausstudierter, und war wohl auch im Krieg. Da wußte man dann freilich auch nicht, ob es noch lebte, das Büblein nämlich von ehedem.
Eines Tages, es war schon ein fleißiger Schüler gewesen, wurde im Kirchhof ein neues Gärtlein angelegt, das gehörte der Ahne. Aber Jungfer Christiane mußte es allein pflegen. Denn ehe noch die frischen Kränze auf dem Hügel welk waren, fuhr ihr Büblein mit seinem Vater auf dem Dampfschiff davon, denn es mußte jetzt eine rechte Erziehung bekommen von Männerhand, es war höchste Zeit dazu. Es kam dann in verschiedenen Männerhänden herum, denn der Vater starb auch bald. Man wußte etwas von einem reichen Vetter in Sachsen, der es geholt hatte. Dann waren noch ein paar Spuren da: Ansichtskarten von Ferienreisen, die waren auch schon alt. Das letzte war ein Gruß, den hatte ein Reisender gebracht, der war mit dem jungen Studenten irgendwo, in Leipzig glaub’ ich, auf eine merkwürdige Weise zusammengetroffen vor ein paar Jahren. Dem hatte er gesagt: ich muß wieder einmal an den See. Sobald ich frei bin, komme ich. Aber er war nie gekommen.
Als Jungfer Christiane am andern Morgen erwachte, beschloß sie, keiner Menschenseele, auch ihren Hausleuten nicht, ein Wort von ihrem Nachterleben mitzuteilen. Denn sie hätte jetzt nicht mehr schwören können, was Traum und was Wachen gewesen war, es war ihr untereinander gekommen wie Samen aus aufgegangenem Säcklein. Bloß den ersten Anfang hatte sie beizeiten auf die Seite getan und der war ihrer Meinung nach nichts zum Erzählen.
Sie hatte einen guten Grund zur Vorsicht in diesen Dingen, denn sie stand im Verdacht, daß sie hie und da aus eigenem dazutut, wenn sie eine Sache wiedererzähle. Es werde unversehens eine Geschichte daraus. Er sei ihr angeboren, ihre Großmutter habe es auch so gehabt, die habe es aus dem Ärmel schütteln können. Es war schon lange ein Wort für sie geprägt, das sie durch die Welt schleppen mußte. Das riefen ihr die Alten und manchmal sogar die Kinder entgegen, wenn sie sich verstieg, etwa ein verblaßtes Träumlein ein bißchen aufzufärben oder dergleichen. »G’schichtleslügere,« riefen sie dann lachend und freuten sich sehr, daß sie alles viel deutlicher und fadengerader wußten.
Das war, behüte Gott, nicht bös gemeint. Im Gegenteil, es lag ein bißchen gutmütige Neckerei darin und ein bißchen Staunen: wie bringt sie jetzt das auch alles zusammen? und eine Aufforderung: »Sag’s nur, sag’ dein Sach’, man braucht’s ja nicht zu glauben.«
Aber das war dennoch alles der Jungfer nicht recht. Denn sie träumte und erlebte, fühlte und dachte so manche Dinge, die ihr ganz unzweifelhaft und gewißlich wahr erschienen, und die sie nicht verspottet wissen wollte, auch nicht im Guten, gar und überhaupt nicht. »Wenn nur ich weiß, was ich weiß,« dachte sie manchmal stolz für sich, wenn ihr ein Absonderliches niemand von Grund aus glauben wollte. Aber als sie sich das Stillschweigen vornahm an diesem Morgen, spürte sie schon halb und halb, daß doch nichts daraus werde.
Es brauchte nur jemand zu fragen: »Gut geschlafen, Jungfer Nane?« oder so, dann sah man es ihr schon auf hundert Schritte an, daß etwas mit ihr umging. Denn sie hatte ein Gesicht wie ein Spiegel, sie konnte nichts verstecken.