Zweitens aber beschloß sie, und das konnte eher etwas werden, nicht zu rasten, bis sie die Adresse von ihrem Büblein habe, und wenn sie sie habe, und es sei richtig im Feld, ihm ein Paar selbstgestrickte Socken zu schicken. Denn es möge ein Mensch reich sein oder nicht, so brauchte er Socken, und es sei dann noch die Frage, ob man auf allen gleich gut laufe, auf gekauften wie auf selbergestrickten mit allen Segenswünschen drin. Überhaupt sei jetzt eine andere Zeit als vordem. Man trete wieder näher zusammen, wie die Berge bei einem Gewitter und – Zeit hin, Zeit her – ihr Büblein und sie seien noch lang nicht die Entferntesten.

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Es steht ein Haus auf einer weltfernen, waldigen Höhe. Still ist es da, still. Wenn der Pfiff einer Lokomotive durch die klare Sommerluft heraufgetragen wird, oder der ferne, fast verklingende Hall einer Glocke oder das Schlagen einer Uhr von irgend einem Turm, so sagen die Bewohner des Hauses zu einander: ’s gibt ander Wetter, es ist so hörsam. Sie haben es gelernt, Luft, Wind und Wetter zu beobachten. Lange genug sind sie unter freiem Himmel gewesen und haben ihre Sinne geschärft vor dem Feind, die vielleicht vordem verkümmert waren in der Fabrik, in Stuben, Werkstätten und Schulen. Wer unter ihnen hat vor dem Krieg mit scharfem Aug’ die kleinste Bewegung auf einer kleinen Bodenwelle wahrgenommen? oder einen sich verändernden Punkt auf einer fernen Felskuppe? wessen Ohr hat das leiseste Knacken im Gebüsch gemeldet oder ein kleines Summen in der Luft? vielleicht das der Jäger, Wanderer oder Pfadfinder unter ihnen.

Aber derer sind nicht allzuviele.

Die hierher gebracht wurden, das sind die mit mürben Lungen und versagenden Herzen, mit zitternden, zersägten, verbrauchten Nerven, die, denen keine Kugel oder Granate ins Gebein fuhr und die dennoch wund sind, totwund mancher unter ihnen. Die Sinne sind wohl scharf geworden, bis zur Schmerzhaftigkeit, aber die Kräfte sind verbraucht. Doch ist es ihnen schier zu still hier oben. Nur nach und nach geschweiget sich die innere Unruhe, die noch aufs Horchen, Lauern, Beobachten gespannt ist. Manch einer fährt aus dem Schlaf, wenn ein Uhu schreit oder wenn das Käuzlein mit flatterndem Flügelschlag gegen die Scheiben fährt, vom früh brennenden Nachtlicht angezogen.

»Hier« schreit er und sucht tastend nach der Waffe.

Zwei Gewalten sind es, die die Unruhe stillen und das Leben auf der Höhe, in der großen, einsamen Weite, lieb machen: das wiederkehrende Leben, dessen erstes Stadium, eine wohlig tiefe Müdigkeit, der leise keimenden Kraft vorangeht und so sanft streichelt und den fernen Höllenlärm vertosen läßt – und der nahende Tod, der ungesehen von dem einen, den er erlösen will, dennoch schattende Flügel über ihn breitet, daß ihm Fernes und Nahes versinkt auf eine stille Weile, eh’ der letzte, schwere Kampf anhebt.

Einer von ihnen, der letzteren einer, lag eines Tages am Rand der sonnigen Waldwiese unter den rotleuchtenden Föhren. Sie hatten ihn hier herausgetragen, weil er gemeint hatte, er könne hier draußen leichter atmen als in der engen Stube.

»Es geht mir besser,« sagte er und ließ sich einen Sonnenstrahl, der auf seiner Decke spielte, durch die Hände scheinen.

»Da doch das Fieber vorbei ist und das Bluten aufgehört hat. Nun geht es wieder aufwärts, nicht?«