»Also schlafen, das lernst du wieder,« sagte Jungfer Christiane.

Das log sie nicht, sie dachte aber ja freilich an den Schlaf, den ihre Pfleglinge daheim in ihren Gärtlein schliefen.

Er war in einer erregten Wachheit und schüttelte den Kopf.

»Ich weiß nicht, ob ich’s lerne,« sagte er. »Probier’s einmal und erzähl’ mir Kindersachen. Keine Märchen, sondern von daheim, von damals, wie ich bei dir und am See daheim war. Nichts von jetzt und nichts vom Krieg, ganz friedliche Sachen. So Sachen zum Zudecken, zum Nicht-denkenmüssen.«

Sie gab ihm ihre gute, hartgeschaffte Hand und er behielt sie.

»Sei nur still, mach’ deine Augen zu. Weißt du noch, wie ich dich einmal mit nach Winggisreute nahm zu meiner Base Döderlein? Da warest du so selig den ganzen Tag und als die Nacht kam, geschah noch das Allerschönste: zwischen den zwei großen Betten, in denen wir Alten schliefen und die hart aneinander standen, war ein Gräbelein und in dem Gräbelein lag ein Tragkissen, ein blaues Kopfpölsterlein und ein Deckbettlein mit lauter rosa Pfingstnägelein darauf. »Für wen ist das?« hast du gefragt. Und ich: »Das ist ein Hasennest, glaubst du’s? oder eins von den sieben Geislein schläft darin? oder wer?« »Oder ich?« hast du ganz glückselig gesagt, denn so etwas Schönes, wie ein Bett in einem Gräbelein zwischen zwei Müttern, das hat es sonst nirgends gegeben, so viel dir bekannt gewesen ist. Und gar die Pfingstnägeleinsdecke: man hat dran riechen können und hat dann niesen müssen, so stark hat sie nach Nägelein geduftet. Und als wir wieder heimgekommen sind und du hast in dein Gitterbett liegen sollen, da hat sich deine Ahne gar nicht zu helfen gewußt, denn du bist neben dem Bett auf dem Boden gesessen und hast an einem fort gejammert: »ich will wieder ins Gräbele liegen.« Es ist aber weit und breit keins dagewesen. Ich bin aber grad am Haus vorbeigegangen, da hat sie mich angerufen: »du hast mir etwas Schönes angerichtet, der Bub’ will partout nicht mehr in sein Bett.«

»Ach warum nicht gar,« hab ich gesagt. »Wo ist er denn? so, Richardle, jetzt machst du einmal deine Augen zu, ganz fest, dann trag ich dich ins Gräbele.« Und hab dich auf den Arm genommen und die Stiege hinauf und wieder hinunter getragen und durch die Stube und Küche hindurch und wieder in die Schlafkammer und ganz sachte in dein Bett gelegt. »Laß die Augen zu, ganz fest,« hab ich gesagt, »und dann riechst du die Nägelein. Ich muß selber schon niesen davon. Hazi.« Und richtig, du hast sie auch gerochen und die Augen fest zugedrückt dabei in der Angst, es sei am End sonst nichts. Dann bist du eingeschlafen, denn die Heulerei ist auch nur Übermüdung gewesen. Am Morgen aber war alles recht: das Gitterbett und das Daheimsein, alles.

Mach’ die Augen zu.

Weil ich grad vom Niesen sage: einmal hast du mich ins Herz hinein gedauert. Ich hab’ deine Ahne in die Kirch’ gehen sehen. Sie ist bald gegangen, schon beim Anderläuten, das hat sie immer so gehabt. Dich hat sie im Höflein gelassen, da hat dir nichts passieren können, denn die Tür ist zugewesen und du hast dort drinnen mit Holzscheitlein gespielt, daraus hast du Häuser und Türme gebaut. Wie ich vorbeigegangen bin, hab’ ich in das Höflein hineingeguckt. Da hat dich grad ein Niesen angewandelt und weil kein Anrufen erfolgt ist, hast du um und um geguckt, ob niemand da ist, und dann hast du ganz gottergeben selber gesagt: helf’ dir Gott, Richardle. Denn so hat sonst immer deine Ahne gesagt. Und hast wieder weiter gespielt.

Mich aber hat’s verbarmt, ich kann’s nicht sagen, wie.