Denn ein Kind, das zu sich selber helf dir Gott sagen muß, wenn es niest, das ist mir als das allerverlassenste vorgekommen. Von da an hab’ ich dich noch viel mehr bei mir gehabt.«

Er schlug die Augen auf. Es lag ein Schein von Kinderglück darin, ein leises, fernes Streiflein Sonne.

»Das ist wie gestreichelt.«

»Schlaf, Kind, mach die Augen zu.

Einmal hat mich’s angewandelt, daß ich dich mit in die Kirch’ genommen habe. Mußt aber ganz ruhig sein, hab’ ich gesagt und hab’ dir ein Helglein aus meinem Gesangbuch zum Ansehen in die Hand gegeben. Das ist auch so weit gut gewesen, so lang man gesungen hat und so lang der Pfarrer am Altar gewesen ist. Aber dann ist er verschwunden und auf einmal hoch an der Wand wieder aufgetaucht auf der Kanzel. Hinter ihm eine Säule und die Kanzel wie angepappt an die Säule, denn man hat die Treppe von uns aus nicht gesehen. Da hast du zuerst eine Weile ganz starr hingesehen und dann hat neben mir eine Unruh’ angefangen, es ist mir angst und bang geworden. Hin und her bist du gerutscht und auf einmal – ich hab’ dir nicht mehr den Mund verheben können – hast du mit deinem hellen Stimmlein hinausgerufen: wie kann denn der wieder runter?

Der Pfarrer ist schier aus dem Text gekommen, er hat sich müssen schneuzen und räuspern, und die ganze Kirch’ hat sich umgedreht und den Hals gestreckt. Es ist mir gewesen, ich solle in den Boden sinken. Aber ich hab’ mich schnell gefaßt. Jetzt in Schanden mit dir abziehen zur Kirche hinaus? hab’ ich gedacht. Grad’ nicht. Und hab’ schnell und leis zu dir gesagt: wenn du ganz ruhig bist und kein Schnäuferle mehr tust, dann zeig’ ich dir’s nachher, wenn er fertig ist mit Predigen. Ich weiß wie, sei ganz leis. Und es ist alles vollends gut vorbeigegangen. Aber in die Kirche hab’ ich dich nicht mehr mitgenommen. Dagegen an den See. Das wirst du alles noch wissen, oder nicht?«

Er nickte nur ein klein wenig, ganz sachte, wie um etwas Schönes nicht zu verscheuchen.

»Du holst mir das alles wie aus einem tiefen Brunnen herauf, da war es zugedeckt und hat geschlafen.

Weck’ es auf. Es wird mir ganz leicht davon, es ist mir viel besser, mein Herz schlägt ganz ruhig, so ruhig hat es lang nicht geschlagen.«

Da hob sie Bild um Bild aus dem treuen Schrein ihres Herzensgedächtnisses.