»Ich habe ihn oft gehört im Schlaf. Es ist mir leid, daß ich ihn nicht wieder gesehen habe. Ich wollte immer einmal hinfahren.
Ich habe so vieles tun wollen in meinem Leben. Davon ist nichts geschehen. Ich habe noch gar nicht gelebt.«
Es kam alles so mühsam heraus, es war ihr, sie müsse ihn geschweigen, wie einst als Kind, weil ihm das Sprechen schwere Arbeit war.
Aber sie tat es nicht. Sie neigte nur ihr Gesicht nah zu ihm hin. Er mußte sie ja vollbringen, die Arbeit.
»Immer habe ich studiert. Das war alles Vorbereitung aufs Leben, noch kein Tun, nur ein Aufnehmen. Dann kam der Krieg. Da war ich lauter Begeisterung und wollte siegen helfen, in die Schlacht stürmen, alles. Davon geschah auch nichts. Ich war in keiner Schlacht. Wir haben immer nur Stellung gehalten. Die Granaten schlugen herein in unsere Gräben und nahmen Kameraden weg. Die Hölle tobte über uns hin. Stehendes Wasser war in den Gräben oft und lang, und Schmutz und Kälte. Alles blieb zurück, was das Leben schön gemacht hatte, langsam, langsam entglitt einem alles. Auszuhalten, o vieles, auch Schreckliches genug. Aber keine Tat. Ich wurde krank und verbarg es und schleppte mich hin. Und nun –« er stockte. Er hatte fragen wollen: sag’ mir, ob es wahr ist, daß ich sterbe? ich spüre es, aber täusche ich mich, wenn ich dennoch ans Gesundwerden glaube? oder täusche ich mich, wenn ich den Tod in mir spüre?
Aber er fragte nun doch nicht. Ein scharfes Lüftlein war über ihn hingefahren, vorhin, mitten im ärgsten Kampf und Krampf. Das hatte irgendwo hergeblasen, wo er noch nie gewesen war. Aus einer weiten Ferne, aus einer großen Tiefe oder Höhe. Das geschweigete ihm das Wort im Munde. Ein hoher, gestrenger und bitterer Ernst trat unausweichlich an ihn heran. Er durfte nicht fragen. Er mußte ihn zuerst anhören.
»Nun komme ich nicht mehr hin,« vollendete er seinen Satz.
»Nun kann ich von allem, was ich wollte, nichts mehr tun.«
Da übernahm es ihn, daß er um sein junges Leben weinen mußte.
Jungfer Christiane wußte ihm keinen Widerspruch. Allzutief verstand sie seine große Not. Auch war sie, mochte sie nun G’schichtleslügere heißen oder nicht, von großer Wahrhaftigkeit und hätte um keinen Preis ihr liebes Kind belügen können, es werde schon bald wieder gesund sein und dann an den schönen See gehen.