Sondern sie sagte zu ihm: »Komm, komm, sei ruhig, mach’ deine Augen zu. Jetzt bin ich doch zu dir gekommen. Alles will ich dir sagen, wie es am See aussieht und wie es da zugeht, dann ist dir’s, du sehest ihn und seiest dran. Stellung halten, das ist auch geschafft. Das müssen viel Leut. Die daheim müssen auch Stellung halten. Wär’ traurig, wenn das für nichts gälte.«
Und sie nahm schöne, zarte und kräftig leuchtende Farben aus ihrem Herzen heraus und malte ihm alles vor Augen.
Wie die Möven mit ihren weißen Schwingen über das blaue Wasser hinfliegen und in der Sonne glänzen und wie sie schreien in den frischen Morgen hinein.
Wie die Rebgelände so grün und lustig dastehen, und wie sie vor Kurzem in der Blütezeit so starken Duft ausgehaucht haben, daß man meinen mußte, ein Krankes, wenn es ihn einatme, müsse dran gesunden. Und wie die Stöcke jetzt voller Trauben hangen, klein und grün noch, aber im Herbst – weißt du’s noch? – durchsichtig, goldengrün und blauschwarz, süß und kräftig.
Wie die Kornfelder, landeinzu, in schweren Ähren stehen. Wie eine Mauer, noch nie sind sie so gestanden, jetzt sind sie gelb wie altes Gold und erntereif.
Wie die Lindenbäume in Blüten sind und duften, stark und gewürzig und wie vieltausend Bienen darin summen und konzertieren, dieweil sie den Honig in ihre Stöcke sammeln.
Und als sie sah, daß die bittere Trauer und die scharfe, angstvolle Spannung in dem jungen Gesicht sich milderte und ein liebes Aufhorchen Platz nahm, da gewann sie größeren Mut und bessere Worte und sagte ihm von den friedlichen Gassen, auf denen Nachts der Lichtschein aus den Heimaten liegt, und von dem Kirchlein, um das sich die Schlafenden unter ihren Gärtlein gesellen. Jetzt blühen da die Rosen, Lilien, Rittersporn und Akeley. Von der hohen Mauer mit den Fensterbögen, durch die man auf See und Himmel hinaussieht und von der goldenen Bahn der sinkenden Sonne.
Von sonnigen Wiesen, Brunnen und Kindergeschrei. Ganz tief hinunter langte sie in ihr Herz und Gemüt. Alle Sinne und Gedanken mußten ihm dienen und Farben, Bilder und Worte herzutragen.
Wenn sie sich selber nicht ganz und gar vergessen hätte, sie hätte wohl staunen müssen über sich selber und daß sie zu dieser Stunde mit allen Dichtern in der Welt hätte Hand in Hand gehen können, und war doch alles lautere Wahrheit, was sie sagte.
Sie hielt aber inne, als der Kranke auf einmal lächelte wie erlöst und wie ein Mensch, von dem eine große Qual abgefallen ist.