Vor der Tür des letzten Hauses ganz oben links, blieb sie stehen, besah sich die Nummer, nickte zustimmend, klinkte an dem schwarzen eisernen Griff der Haustüre, sah, als diese verschlossen war, zu den niederliegenden Fenstern des Erdgeschosses hinein und schüttelte den Kopf, als auch da kein lebendes Wesen zu entdecken war. Da sah sie hinter dem Bänklein unter dem Ahorn, der das niedrige Haus beschattete, ein Kindergesicht hervorlugen und blitzschnell wieder verschwinden. Nur ein blonder, borstiger Haarschopf guckte noch hervor. Dem ging sie nach. Mit einem leichten, geschickten Griff zog sie den widerstrebenden, kleinen Buben aus seinem Schlupfwinkel, stellte ihn vor sich hin und sagte: »Nun sag mir einmal, du Bürschchen, gehörst du in das Haus da?« Der Kleine nickte nur und steckte alsdann den Daumen in den Mund. Nur die Augen sprachen weiter; sie sagten: »Ich weiß gut, wer du bist. Du bist das Fräulein, das die obere Stube gemietet hat und unser Sommergast werden will.« Aber diese Augensprache war dem Fräulein nicht genug. »Warum ist das Haus geschlossen? Wo sind deine Eltern?« fragte sie. »Du gehörst doch dem Schuhmacher Notacker?« Das war ein bißchen viel auf einmal gefragt. Es brauchte schon eine Weile, bis die ganze Antwort herauskam. »Das Haus schließt man, wenn man aufs Feld geht. Aber der Schlüssel liegt hinter dem Schuhabkratzer. Der Vater trägt geflickte Stiefel fort, und die Mutter ist auf dem Rübenacker. Die drei Kleinen hat sie mit.« »Die drei Kleinen? Ja, wie alt bist du denn?« Das wußte der Bub nicht so genau anzugeben, wohl aber, daß er Gottfried heiße und in zwei Jahren in die Schule komme. Ferner, daß er ein Sonntagsgewand im Schrank hängen habe und auf den Winter eine Pelzkappe mit Ohrlappen besitze. Als Gottfried mit diesen Berichten fertig war, kam von unten her ein Mann, der zum Zeichen, daß er etwas sehr Merkwürdiges sehe, fortwährend mit der linken Hand seine Mütze hin und her rückte und nun auch anfing, seine Schritte zu beschleunigen. »Da ist das Fräulein,« sagte er, als er da war. »Da ist sie nun, und das Haus geschlossen, und kein Mensch zum Empfang da. Das ist eine schöne Geschichte, das hätte nicht sein sollen.« Man brauchte es einem nicht zu sagen, daß der Mann ein Schuhmacher sei. Er trug eine grüne Schürze mit einer gelben Metallkette als Schloß, trug die Hemdärmel aufgekrempelt und hatte an Händen und Armen deutliche Pechüberreste. Er roch auch stark nach Leder. Er habe ein gutes, ernsthaftes, etwas gedrücktes Gesicht, dachte das Fräulein. »Das tut ja nichts,« sagte sie. »Wenn man nicht genau angibt, wenn man kommt, so kann man auch nicht erwarten, daß man empfangen wird. Zudem hat mich der Gottfried schon ganz gut unterhalten.« Der Bub lachte so ein wenig bei diesem Bericht und der Vater sagte: »Da muß es das Fräulein gut mit den Kindern können, wenn er das getan hat. Denn er ist sonst scheu und ganz stumm vor Fremden, so gut sein Mundwerk läuft, wenn er daheim und unter uns Eigenen ist.« Er schloß die Haustür auf und geleitete das Fräulein die steile, halbdunkle und ausgetretene Treppe hinauf in den Oberstock, wo unter dem spitzen Dachgiebel ein einziges Stüblein eingeklemmt lag. Das Fremdenzimmer. Es war mit Liebe und Stolz eingerichtet, das sah man sofort. Mit allem guten Willen, das Möglichste an Eleganz aufzubringen. Das sagte sich das Fräulein, als ihm jeglicher Mangel an gutem Geschmack empfindlich auf die Nerven ging. Sie beschloß, das Angenehme daran herauszufinden. Das fiel ihr auch nicht schwer, als sie zum offenen Fenster hinaus die Aussicht sah. »Wie schön,« sagte sie, »o wie schön!« Der Schuhmacher nahm das Lob auch gleich für die Stube. »Man tut halt sein Möglichstes,« sagte er. »Wenn’s dem Fräulein nur bei uns gefallen wird. Es wär uns eine Freude.« »Das wird es, das wird es schon.« Das Fräulein streckte dem Mann plötzlich die Hand hin. »Auf gute Hausgenossenschaft.« Er nahm sie, behutsam, sie war so weiß und fein gegen seine schwielige Schustershand. Es ging ein warmer Strahl über sein bärtiges, ernsthaftes Gesicht. »Jetzt kommt die Mutter,« rief Gottfried, der bisher stumm zugesehen hatte. Drunten knarrte ein Wägelchen, Kinderstimmen wurden laut. Gottfried polterte eilfertig die Treppe hinunter. »Mutter, das Fräulein ist da,« rief er schon von weitem. »Sie hat gesagt, es sei schön bei uns. Sie ist schon droben in ihrer Stube.« »Ich will Ihnen meine Frau schicken,« sagte der Mann, »und wenn Sie einen Wunsch haben, und es ist zu machen, so tut man’s.« Dann ging er auch.

Sie sah sich in ihrer neuen Klause um, als sie allein war. Grelle, blaue Tapeten, buntfarbige Öldrucke darauf, weiße gehäkelte Deckchen auf Tisch und Kommode, ein Stückchen geblumten Teppichs auf dem Fußboden. »Es ist schrecklich, aber es ist gut gemeint; es ist gewiß ihr Stolz. Ich will mir’s nach und nach ein wenig menschlich machen. Was ist das für ein rührend ernsthafter, sorgenvoller Mann. Ich bin begierig, wie die Frau ist.« Das Fräulein fing an, seinen Koffer auszupacken, der schon vorher angekommen war. Und dazwischen hinein ging sie ans Fenster, immer wieder, und sog den Anblick in sich hinein. In langen Zügen tranken ihre Augen die friedliche, liebliche Schönheit des Sommerabends. Das Fenster bot so recht eine Mischung von dem, was sie liebte. Nach rechts hinunter den Blick in die Himmelreichsgasse, wo die Kinder spielten und die Alten vors Haus kamen am Feierabend. Das war ein Stück Menschenleben, einfach, eng begrenzt, aber anheimelnd. Es zog sie an, es war ihr, als müsse sie hier etwas erleben. Gerade mit den Menschen da vor ihren Augen, etwas Gemeinsames, Verbindendes. Aber was? Das würde sich ja zeigen. Das brauchte man gar nicht zu suchen. Gegenüber war kein Haus mehr, da ging der Blick ohne Hindernisse ins Weite. Wie abendstill nun das Tal dalag. Wie dunkel und schweigend die grüne Wand des Tannenwaldes in den dämmerigen, nachtenden Himmel hineinragte! »Kaum zwei Minuten ist’s dahin, wo der Wald anfängt. Da muß ich noch hin, das muß ich alles grüßen und in Besitz nehmen,« sagte das Fräulein zu sich selbst. »Das Auspacken mag warten.« Es ging ein so heimatliches Grüßen aus ihr heraus und um ihre Umgebung herum. Sie war einer von den Menschen, die überall daheim sein können, weil sie es in sich selber sind.

An der Tür wurde geklopft. Die Schustersfrau kam herein. Sie blieb hart an der Tür stehen. »Ich will nicht stören,« sagte sie, »ich hab’ nur dem Fräulein Grüß Gott sagen wollen.« Sie war eine kleine, schmächtige Frau mit zerarbeiteten Zügen und geraden, stillen Augen. »Ja, aber das ist ja natürlich, daß wir uns begrüßen müssen,« sagte das Fräulein lebhaft und trat zu ihr. »Wenn man einen Sommer lang Hausgenossenschaft halten will. Wir wissen ja noch gar nichts von einander, persönliches, mein’ ich. Da war Ihre Anzeige in der Zeitung und meine Anfrage, und Ihre Zusage. Sonst nichts. Sie werden kaum noch meinen Namen wissen? Doch? Solger, Adelheid Solger. Ich will hier kein müßiger Kurgast sein. Ich will zeichnen und malen, und hoffentlich nütze ich meine Zeit gut aus. Es ist gefährlich, wenn es so schön ist um einen herum. Da sitzt man so leicht und macht beide Augen auf, daß alle die Schönheit hinein kann, und vergißt, daß man daran lernen wollte. So wiedergeben Strich um Strich, das ist dann ernsthafte Arbeit. Aber ich hoffe, daß ich den Sommer ausnütze.« Sie unterbrach sich. »Das rede ich Ihnen nun alles vor. Es hat mir oben gesessen, seit ich da zum Fenster hinaussehe: Wenn du nur auch ans Zeug gehst, so in der Freiheit, nun dir niemand den Stundenplan macht.«

»Davon weiß unsereins freilich nichts,« sagte die Frau. »Es ist immer etwas da, das zuerst getan sein muß. Man weiß oft nicht, wo anfangen. Da braucht man sich nicht extra zu besinnen, ob man jetzt will oder nicht.«

Ihr Gesicht blieb ganz ruhig, während sie sprach; ihre Stimme hatte einen tiefen, etwas bedeckten Ton.

»Soll ich jetzt eine Lampe bringen?« fragte sie noch, schon die Türklinke in der Hand. »Das Nachtessen ist auch bald fertig, soll ich das dem Fräulein dann heraufbringen?« »Ja,« sagte das Fräulein, »bis es fertig ist, bin ich wieder hier. Ich gehe noch die paar Schritte bis an den Wald hin, eh’ es ganz dunkel wird. Damit kann ich nicht warten bis morgen.«

Unter der Haustür auf der Schwelle saßen zwei Kinder, verkleinerte Abbilder des Gottfried. Sie waren barfüßig, trotzdem sie Schusterskinder waren, hatten vielfach geflickte Röckchen von Druckkattun an und guckten mit runden, blauen Augen vor sich hin. Aus der offenen Stubentür kam kräftiges Geschrei eines noch kleineren Notackerleins, das von Gottfried im Wagen hin und hergeschoben wurde, und dazwischen hörte man das klopf klopf des Schusterhammers. Das Küchenfeuer warf einen flackernden Schein auf den kleinen Vorplatz. Das Fräulein trat jetzt, von der Treppe herkommend, in seinen Lichtkreis. »Ah,« sagte sie fröhlich, und sog den kräftigen Duft ein, der einer Bratpfanne entstieg, »da gibt’s etwas Gutes. Da freu’ ich mich aufs Wiederkommen.« Die beiden kleinen Buben auf der Schwelle zogen auch die Näschen hoch. Das war ein Duft, den sie kaum kannten. Es war für sie mit dem Fräulein verwoben, nicht mit Unrecht. Was da protzelte, war nicht für die Schelme. Sie sahen sich verlegen an, als der Sommergast an ihnen vorbeischlüpfte. »Bleibet nur sitzen, ihr zwei,« hatte das Fräulein gesagt, »an zwei so kleinen Mäusen komme ich schon noch vorbei.« Da ging sie hin den Waldweg hinauf. Sie kam ihnen sehr groß und sehr schön und sehr vornehm vor. Sie war etwas Neues, etwas Niedagewesenes für das ganze Haus. Und sie gehörte ihnen, aber nur zum Anstaunen. Sie war »unser Fräulein«.


»Also das gibt’s noch,« sagte Adelheid Solger und streckte sich wohlig. »Das gibt’s noch. Das hab’ ich gar nicht mehr gewußt. Seit ich ein Kind war, bin ich nicht mehr im Heu gelegen. Das ist schon lang her. Und nun so. Sehen Sie, Meister Notacker, wie schön es ringsum ist? Sehen Sie’s recht?«

Sie lag lang ausgestreckt auf der abgemähten Wiese, die sich ziemlich steil talwärts zog. Die Hände hatte sie als Kopfkissen in den Nacken geschoben, die Augen gingen mit einem sonnigen Behagen hin und her, blieben in der Weite hängen, kamen wieder in die Nähe zurück und fragten dann eindringlich in den Mann hinein, der auf seinen Rechen gestützt dastand und an einer Antwort arbeitete. Es liege ein Leuchten darin, dachte der. Sie war erst vorhin aus dem Wald gekommen, angeregt von ihrer Arbeit frisch und vergnügt.