»Nun hab’ ich ein Recht, eine Weile zu feiern,« hatte sie gesagt. »Ich war ausbündig fleißig diesen Morgen. Ich muß mich selber ein wenig loben, es ist sonst niemand, der es tut. Und es ist mir nötig, ich brauch’s. Was ist das für eine Welt! Im Wald war’s so dämmerig und hier ist alles voll Sonne.«

Und dann hatte sie die Frage an ihn gestellt. »Sehen Sie, wie schön es um und um ist?« Was sollte er nur darauf sagen?

Sie konnte ja nicht wissen, wie es in ihm aussah, und das war ihr wohl auch nicht wichtig. Aber in ihm lebte ein starker Drang nach allem Schönen hin, der regte sich neu, seit sie da war. Er war weder im Aussprechen noch im Sehen geübt. Und sie war das beides.

Die Sonne lag mit vollem Glanz auf der Landschaft, der Fluß blitzte darin in tausendfältigem Geflimmer, die nachbarlichen Höhen hatten einen dunkelblauen Ton. In der Nähe lagen hellgrüne Kornbreiten, blaue Kornblumen und roter Mohn leuchteten in starken, sicheren Farben daraus hervor. »Ja,« sagte er langsam, »es ist schön – aber,« er stockte. Er hatte noch sagen wollen: »Aber so, wie Sie, seh’ ich’s nicht.« Er sah an ihren Augen, daß es so sei. Aber er verschwieg es. Vielleicht fürchtete er, zu viel zu sagen. Denn das, was sich mit Macht in ihm regte, durfte sie nicht erfahren. Das war ein Neid gegen sie und alle, die so ungehindert, so selbstverständlich in einer Welt lebten, die ihm verschlossen war. Er war ein Schuster gegen seinen Willen. Er wäre gern etwas anderes geworden in seiner Jugend. Irgend etwas, bei dem der Geist die Flügel regen konnte, er wußte es selbst nicht so genau. Lernen hatte er wollen, viel und vielerlei, Bücher lesen, Musik machen, alles, was es nur gab. Aber da war nichts zu machen gewesen.

Er war kein Genie, das sich einen Weg erzwingt, er hatte nur eine durstige Seele, die sich in einem engen Käfig duckte und draußen eine weite Welt ahnte, an der sie nicht teilhaben durfte. So lernte er sein Handwerk, aber verdrossen und unfroh, wie einer, der nicht an seinem Platz ist. Er brachte es nicht weit darin. Das wunderte ihn auch gar nicht. »Warum hab’ ich nichts anderes werden dürfen?« sagte er sich vertrutzt, wenn er sah, wie andere seines Handwerks weiter vorwärts kamen als er. »Ich passe einmal nicht dazu.«

Er hatte es ein wenig vergessen gehabt, daß er so verkürzt sei. Aber nun kam es stärker herauf als je zuvor.

Davon wußte ja das Fräulein nichts. Die war so frisch und lebensfreudig, erzählte so harmlos drauf los von ihrer Welt, die nicht die seine war und nahm die Schönheit der Welt und des Lebens in Besitz, als ob das gar nicht anders sein könne.

»Jetzt habe ich aber lange und geduldig gewartet,« sagte Fräulein Solger und richtete sich auf. »Es kommt wohl keine Fortsetzung mehr auf das Aber. Da erscheint nun der Gottfried und ruft uns zum Essen. Ich hätte so gern wissen wollen, ob’s nur mir allein so schön vorkommt, mir mit meinen Stadtaugen, denen es so golden wohl ist in der Freiheit nach der Enge des Zeichensaales?«

Da gab der Mann dem Rechen und sich selbst einen Ruck. Den Rechen rammte er fest in die Erde, da stand er aufrecht und frei. Aus sich selber heraus sagte er, langsam, als müsse er jedes Wort von unten heraufholen: »Es wird wohl so sein, wie Sie meinen, so schön. Es gibt Leut’, die sehen’s immer. Denen liegt’s in den Augen, die sind dazu gemacht. Die anderen sehen das andere, es ist viel auch nicht schön in der Welt. – Aber heut’ seh’ ich’s auch.« Es war eine Anstrengung gewesen, das alles zu sagen. Der Mann atmete tief auf. Fräulein Solger sah ihn von der Seite an, aufmerksam und nachdenklich. Was mochte hinter dieser Stirn mit den tiefen Querfurchen vorgehen? Gottfried war vollends herangekommen. »Die Mutter wartet schon lang,« sagte er. »Sie sagt, du habest gewiß wieder nicht Zwölfe läuten hören. Und das Fräulein hätt’ ich auch suchen sollen.« »So,« sagte das Fräulein heiter, »im Wald hättest du mich aber lang suchen können. Ich bin im dicksten Dickicht gesessen und habe Baumwurzeln gezeichnet.« Sie klappte ihr Skizzenbuch auf und hielt es dem kleinen Buben vors Gesicht. »Da sieh her. Gefällt dir’s, du?« Gottfried sah ernsthaft auf das Blatt und machte ein kurioses Gesicht. So ein knorriges Zeug? So ein Gewirre? »Nein,« sagt er, ganz kurz und bestimmt. »O du Staatskerl du. Versprichst du mir, daß du deiner Lebtag’ so deutlich sagen willst, was dir gefällt und was nicht?« Fräulein Solger hatte nicht übel Lust, dem Kritiker einen Kuß in sein ernsthaftes Kennergesicht hinein zu geben; aber er sah aus, als ob er ihn wieder wegwischen könnte; sie ließ es. »Wenn ich nach Haus komme, muß ich’s meinem Professor zeigen. Vielleicht gefällt’s dem besser als dir. Aber du darfst zur Belohnung meinen Feldsessel tragen, und heut’ nachmittag darfst du in meine Stube kommen, dann zeig’ ich dir, was dir besser gefällt. Ich habe schon noch Schöneres. Und jetzt marsch marsch. Auf meiner Magenuhr ist’s schon lang Zwölfe vorbei.« Gottfried trabte stolz mit dem Feldsessel voraus. Die zwei anderen folgten. Der Mann hatte auch mit in das Skizzenbuch gesehen, gesagt hatte er nichts. »Wenn Sie dem Buben Bilder zeigen,« hob er nach einer Weile, als sie so nebeneinander hergingen, zögernd an, »am End’ dürft’ ich’s auch sehen. Man sieht auch gern einmal etwas anderes. Und ich, – ich hab’ immer eine Freud’ an so etwas gehabt.« Es kam fast entschuldigend heraus. Die Lust war größer gewesen als der Vorsatz, zu schweigen. Das Fräulein sah aus, als ob ihr eine große Freude widerfahren wäre. Das war auch so. Sie hatte eine so ehrliche, gesunde Freude an ihrem Studium, die wollte sie so gern mit den Menschen, die um sie her waren, teilen. Und wenn sie einen Sinn dafür fand, wo sie ihn nicht vermutet hätte, da begrüßte sie ihn mit der ganzen geraden Herzlichkeit ihres Wesens. »Das ist ja fein,« sagte sie, »das freut mich ja von Herzen, Meister. Wollen wir das heute abend tun? Gleich heut?« Sie nannte ihn immer Meister. Das Wort gefiel ihr so für den einfachen, biederen Mann. Sie hatte bis jetzt immer geglaubt, er gehe in seinem Handwerk auf, und er war so gar kein Herr. Am Ende kannte sie ihn aber doch noch nicht.

Die Frau stand unter der Tür und wartete. Sie schützte die Augen mit der vorgehaltenen Hand vor der Sonne. Ihr Gesicht war so eben und unbeweglich wie immer und mit dem gewohnten ruhigen Ton grüßte sie die Ankommenden. »Das Essen steht schon droben, Fräulein,« sagte sie. »Es ist hoffentlich noch gut. Ich hab’s auf zwölf Uhr gerichtet.«