»Geschieht mir ganz recht, wann ich’s kalt bekomme; ich bin so gar kein pünktlicher Mensch. Erziehen Sie mich nur ein bißchen.« Adelheid Solger hatte immer das Gefühl, als wenn sie diese Frau ein wenig aufheitern, ein wenig froh machen sollte. Aber wie? Sie war wohl auch gar nicht traurig, nur so tonlos, so gleichmäßig still ging sie ihres Weges. Und man wußte nie, was in ihr vorging. »Aber das ist ja vielleicht das allerbeste,« dachte das Fräulein, als es die Treppe hinanstieg und sein Zimmer betrat. »Es ist gar nicht immer gut, wenn man einen so durch und durch sehen kann, wie zum Beispiel mich, die ich keinen Gedanken verbergen kann. Ich will sie nur ruhig ihres Weges gehen lassen. Wenn ich’s nur könnte. Ich kann es ja doch nicht. Einen Tag lang, ja, aber dann muß ich wieder in ihrem Gesicht herumstudieren, und in seinem. Warum bin ich nur so, so menschenhungrig? Warum muß ich an allem teil haben, was um mich herum vorgeht?«
Ihr Tisch war sauber gedeckt. Mit billigem Geschirr und dünnem Tischzeug, wie man es in Warenhäusern um ein Geringes bekommt. Aber alles neu und ganz. »Das ist für mich angeschafft,« dachte sie. »Da sitz’ ich nun allein dabei und ess’ das Beste, was im Haus ist. Es ist mir zuwider. Ich bezahl’s ja, sie verdienen noch ein bißchen dabei. Aber es ist mir doch zuwider. Soll ich ausgehen und im Wirtshaus essen? Dann kränkt’s die Frau, sie tut, was sie kann. Jetzt würde ich wieder ausgelacht, wenn mich meine Freunde sähen. ›Immer rücksichtsvoll,‹ würde Heinz sagen, und spöttisch den Hut ziehen. Ich weiß, was ich möchte. Ich möchte unten mit am Tisch sitzen und mitessen. Ich habe ganz gewöhnlichen Menschenhunger.« Damit beendete sie ihr Selbstgespräch und fing an zu essen. Sie war jung und gesund, es schmeckte ihr trotz allem.
Ein gutes Stückchen hob sie für Gottfried auf, der eilig daherstolperte, kaum daß er den Löffel weggelegt hatte. Er blieb staunend stehen. Das Zimmer war anders, als da das Fräulein einzog. Auf der Kommode stand in einer breiten tiefen Schale ein Waldstrauß, ein duftiges Gewirre von grünen und rötlichen Ranken, langstieligen Glocken und Waldlilien. Die Öldrucke waren von den Wänden verschwunden; ein paar Kreide- und Kohlezeichnungen waren mit Reißnägeln da und dort lose angeheftet, über dem Bett hing an einer roten Schnur ein farbenfreudiges Aquarell. Ein hohes, graues Steinhaus mit einem mächtigen Portal, vergitterten Fenstern im Erdgeschoß und einer heiteren Fensterreihe oben, zwei der Fenster mit Brettern voll brennendroter Geranien davor.
Vor diesem Bild pflanzte sich der kleine Bub auf und guckte es mit großen Augen an. »Siehst du, da bin ich daheim,« sagte das Fräulein und wies auf die Blumenfenster. »Da geh’ ich wieder hin, wenn ich im Herbst fortgehe. Es war einmal ein Schloß und hat einem Grafen gehört. Der ist aber schon lang tot.« »Gehört’s jetzt dir?« fragte Gottfried. »Nein, Bub, so reich bin ich nicht.« Sie lachte. »Da wohn’ ich nur, und außer mir noch viele Leute; fast in jeder Stube jemand anderes. Und in der Mitte ist ein ganz mächtig großer Hausflur, so groß, daß man euer Haus hineinstellen könnte. Da tanzen bei der Nacht die Mäuse.« Gottfried sah unbefriedigt aus. Es paßte ihm nicht, daß dem Fräulein das Haus nicht gehöre und daß bei Nacht die Mäuse darin tanzten. Er hatte mit den Kindern der Himmelreichsgasse schon viel von »unserem Fräulein« gesprochen. Kein Mensch außer ihnen hatte einen Sommergast. Er hätte den anderen gern das Haus gezeigt; die hätten Augen gemacht. Aber wenn’s ihr gar nicht gehörte. Dann konnte man nur gleich still sein. »Ist dein Vater und deine Mutter auch drin?« fragte er. Da machte sie ein sehr ernsthaftes Gesicht. »Ich habe keinen Vater und keine Mutter mehr,« sagte sie. »Schon als ich so groß war wie du, nicht mehr.« Gottfried war immer enttäuschter. »Ja, hast du denn gar niemand?« fragte er. Da überkam das Fräulein wieder »dieser ganz gewöhnliche Menschenhunger«. Sie konnte doch dem kleinen Buben nicht sagen, daß sie zu niemand gehöre, zu gar niemanden. Sie hatte doch so viele Freunde, so einen frohen, belebten, anregenden Kreis. Aber jemand eigenes? »Doch,« sagte sie nach einer kleinen Weile. »Ich habe schon jemand. Es ist fast, wie wenn ich eine Mutter hätte. Oben, ganz da oben, man sieht das Fenster nicht auf dem Bild, es ist auf der anderen Seite, da wohnt sie. Sie kann nicht gehen, sie ist krank. Aber sie ist immer da, wenn ich zu ihr komme. Die hat mich lieb, sie gehört mir.«
Gottfried verstand den Bericht nicht so ganz. Das konnte er ja auch nicht. Das Fräulein hatte ja gar nicht gesagt, wer da oben wohne und fast wie ihre Mutter sei. Sie kam ihm ein klein bißchen weniger erstaunenswert vor, als er wieder die Treppe hinunterging. Sein Vater saß am Schustertisch und flickte einen klaffenden Riß in einen Bauernschuh. Dem konnte er alles erzählen. Er horchte auch hoch auf. »Daß sie am End’ gar nicht zu beneiden wär?« dachte er. »Daß sie auch ihren Schatten hat in ihrem Leben?« Er zog den Pechdraht eifriger durch die Löcher, die die Ahle machte. »Aber sie hat’s doch schön; Herr! wenn man selber so ist, so gescheit und geschickt, und tun kann, wie man will!«
Derweil saß das Fräulein oben und schrieb einen langen Brief an die, die »fast wie ihre Mutter« war. Mit dem Herzen und Gedanken kehrte sie ein in der stillen Stube der alten Freundin, die fast nichts mehr tun konnte und doch so viel war. So ein aufgeschlossener, warmer, lebendiger Zufluchtsort für die, die sich draußen herum müde und unruhig gemacht hatten. Sie wurde wieder froh während des Schreibens, ihres Reichtums bewußt. Es ging ein starkes Grüßen dem Brief voraus, direkt durch die Luftlinie. »Wenn ihr jetzt nur die Ohren klingen möchten,« dachte das Fräulein, als es die Himmelreichsgasse hinunter wandelte und den Brief in den gelben Schalter steckte, ganz unten an der Ecke.
Denn sie wußte wohl, daß die Freundin manchmal saß und nicht wußte, wozu ihr tatenloses Leben noch tauge. Wie das einem Gemüt gehen kann, das nichts von seinem segnenden Reichtum weiß. Das nicht weiß, daß es eine stille Heimat ist für die, die es lieb hat. – – – –
Das war ein Sommerleben, ein rechtes, echtes! Früh heraus, fast mit der Sonne, und den ganzen Tag sich des Daseins gefreut. »Ich werde braun, wie eine Bäuerin,« dachte Adelheid Solger vergnügt und studierte ihr sonnverbranntes Spiegelbild. Die Himmelreichsgasse hatte das schon von ihr gemerkt. Sie war so ein bißchen Gemeingut geworden, da mußten die Leute schon darauf achten. Wenn sie die Gasse hinabging, hatte sie viele Händedrücke von sauberen und schmutzigen Händlein in Empfang zu nehmen und viele Grüße zu erwidern. Sie tat es gern, es war ihr so selig patronatsmäßig und landpomeranzig zugleich zumute. Der Schmied war ihr guter Freund und die dicke Bäckersfrau ihre Freundin. Und der Sternenwirt unten an der Ecke zog, wenn er sie kommen sah, seine Spieluhr auf. »Freut euch des Lebens,« konnte sie spielen und den Hohenfriedberger Marsch. Denn das Fräulein blieb dann regelmäßig stehen und horchte; sie wippte so einverstanden mit dem Kopf zu der Musik. Das freute den Sternenwirt.
Sie ging aber viel öfter gleich vom Haus aus in den Wald. Nicht nur so in die nächste Nähe. Sie machte große Streifereien und brachte reiche Beute im Skizzenbuch heim. Wie die Bienen sammelte sie ein in der schönen Welt. »Das war ein Prachtsgedanke von Heinz,« dachte sie. Dieser Heinz war ein Freund und Studiengenosse von ihr, der sich gern zu ihrem väterlichen Berater aufwarf und er hatte sie hierhergeschickt. »Sie müssen so recht in die Natur kommen,« hatte er gesagt, »das ist für Ihr Studium und für Ihren Menschen nötig. Sie werden neuerdings so zivilisiert.« – »Ich wollte, er könnte mich jetzt sehen.« Sie lachte, als ihr der Wunsch kam. Denn jetzt lebte sie so natürlich, als nur möglich. Es war eine Lust, zu leben. Sie hätte so gern ihre ganze Umgebung mit ihrer inneren Frohheit angesteckt. Das gelang teilweise, teilweise auch nicht. Meister Notacker, der lebte auf; er sang sogar manchmal. Er hatte eine schöne, tiefe Stimme und er kannte alte, wunderbare Volkslieder. Es war lang her, seit er sie gesungen hatte, die Kinder horchten hoch auf, und die Frau warf einen langen, merkwürdigen Blick auf ihn, als er’s das erste Mal tat. Er sah den Blick nicht, nur Adelheid Solger sah ihn. »Ist’s ihr am End’ nicht recht, daß er singt?« dachte diese. »Sie sollte doch froh sein, wenn er ein wenig Leben zeigt. Wenn ich einen Mann hätte mit solch einer Stimme, er müßte mir alle Tage singen.« Aber die Frau hatte schon wieder den Kopf über die Näharbeit gebeugt und zog mit unbewegtem Gesicht den Faden aus und ein. »Ich habe mich wohl getäuscht,« dachte die Beobachterin. Sie hieß jetzt nicht mehr Fräulein schlechtweg, sie war zum Fräulein Adelheid geworden. Sie hatte sich’s nicht ausgebeten, das war nach und nach so gekommen, ganz von selbst. So war’s ihr recht. Sie saß auf einem dreibeinigen Schemel am offenen Fenster. Draußen war’s Nacht, eine warme, düftereiche Sommernacht. Um die aufgehängte Ampel über dem Schustertisch surrten aufgeregte Schnaken mit langen Füßen und glasigen Flügeln. Der Meister saß mit einem halbgeflickten Rohrstiefel auf dem Schoß, ließ die Hände ruhen und sang aus gehobener Brust. »Es waren einmal drei Reiter gefangen, gefangen waren sie.« Und dann noch viele andere. Die Kinder spitzten die Ohren und horchten wie die Mäuse, und die Frau wendete das zerrissene Röcklein hin und her, bis alle Löcher zu waren. Dann stand sie auf: »So jetzt ins Bett, Kinder, ’s ist schon viel zu spät für euch.« Adelheid konnte es schon lang wieder nicht lassen, an ihrem undurchdringlichen Gesicht und Wesen herumzustudieren. »Warum sie nur so ist? So stumm und ernst. So sorglich und fleißig, und brav und still. Aber gar nichts Warmes. Ich möchte sie wohl fragen, ob sie nicht glücklich ist. Aber das wag’ ich ja gar nicht. Sonst bin ich so keck und vor ihr scheu’ ich mich. Wie das nur ist? Am End’ hat sie schwere Nahrungssorgen. Der Mann ist nicht so übereifrig. Aber sie haben doch auch die Wiese und eine Kuh. Da bin ich nun schon wieder beim Grübeln.« Adelheid gab sich einen innerlichen Rippenstoß und kehrte in die Gegenwart zurück.
Der Meister hatte aufgehört zu singen. »Sie haben gar nicht mehr gehorcht,« sagte er. »Meine Gedanken sind mir durchgegangen,« gab sie reumütig zu. »Ich hab’ aber danebenher doch noch zugehört. Sie haben eine gute Stimme, warum singen Sie nie? Das sollten Sie viel öfter tun.« – »Ich will’s tun, wenn Sie’s freut. Es ist mir selten singerig zumute. Das muß einem von innen heraus kommen, sonst ist’s nichts.«