Adelheid mußte wieder einmal sein Gesicht betrachten. Es hatte in letzter Zeit so etwas Lebendiges, Aufgehelltes bekommen. Sie wußte nicht, daß er in diesem Augenblick in seinen Gedanken zu ihr sagte: »Ja, wenn du immer da wärest, dann sänge ich wohl. Wie hast du mir das Leben aufgetan, du Sommergast.«

Es war gut, daß sie es nicht wußte. Sie holte ihr Skizzenbuch herbei und zeigte ihm Altes und Neues daraus. Er tat so verständige, tüchtige Bemerkungen dazu, sie waren beide so plaudersam angeregt, als die Frau zurückkam und wieder ein Paar Strümpfe zum Stopfen vornahm. »Ich habe fast ein böses Gewissen,« sagte Adelheid, »Sie sind noch so fleißig und ich habe so frühen Feierabend gemacht. Lassen Sie mich ein bißchen mithelfen, ich kann auch Strümpfe stopfen, Sie werden’s schon sehen.« Die Frau warf einen Blick in ihr bittendes Gesicht. »Ich glaube, Sie meinen’s gut,« sagte sie. »Aber helfen können Sie mir nicht. Ich habe auch nur noch das eine Paar vor.«

»Wie sie das nun wieder so tief und schwer sagt,« dachte Adelheid. »Das ist doch so eine harmlose Sache. Ich glaube, Heinz hat recht. Es gibt Leichtblüter und Schwerblüter. Die Frau gehört zu den Schwerblütern. Die müssen alles schwer nehmen.« – »Ich glaube, daß Sie’s gut meinen.« »Will’s glauben, daß ich’s gut meine. Oder eigentlich, ich meine es weiter gar nicht. Ich bin nur so ein vergnügter Mensch und hätte die andern gern auch so. Das ist eigentlich lauter Egoismus.«

Damit erstieg sie ihre Treppe und begab sich zur Ruhe. »Ihre Lieder müssen Sie mich noch lehren, Meister,« rief sie noch von der Treppe her. »Die nehm’ ich im Herbst mit nach Hause und sing’ sie meinen Freunden vor. Da krieg’ ich einen Preis; so schöne können die nicht. Aber wir müssen bald daran, die Zeit vergeht so schnell.«

Das Letztere war so wahr. Die Zeit verging so schnell: es war fast nicht zu glauben. Die Ernte war vorbei, der Wind ging übers Stoppelfeld. Heute hatte Adelheid den ersten silbernen Altweibersommerfaden an einer Hecke gefunden. Den besah sie sinnend. Sie freute sich auch wieder auf ihren alten Kreis in der Stadt. Aber es war ein so schöner, reicher Sommer gewesen, es tat ihr leid, daß er scheiden wollte. Die Menschen hier waren ihr auch wert geworden, so, wie einem die wert werden, an deren Sein und Tun man teilgenommen hat; wie das ein rechter, echter Mensch an denen tut, die um ihn her sind. Gottfried hatte ihr schon lang verziehen, daß das große Haus in der Stadt nicht ihr gehöre. Sie hatte so viele andere Vorzüge, er war ihr guter Freund geworden. Auch die anderen Notackerlein krabbelten die dunkle Treppe herauf und pumperten mit den Fäustlein an die Tür, und nach und nach taten das noch andere Kinder aus der Himmelreichsgasse. Auf einem Eckbrett stand eine glänzende Büchse, darin waren Himbeeren, wie man sie nicht im Wald findet, groß und glänzend, von süßem Zucker. Die banden die kleinen Herzlein an das große. Es waren nicht nur die Himbeeren, es war sonst noch viel Liebes und Schönes. Adelheid malte einen Zweig fliegender Herzen und in jedes rote Herzchen hinein einen der Kinderköpfe. »Lauter Originale,« sagte sie mit Stolz und trug das Bildchen im Haus herum, um es bewundern zu lassen. Sie traf die Schuhmachersfrau am Waschzuber. »Da sehen Sie her,« sagte sie, »das nehme ich mit nach Haus. Ich muß doch meinen Freunden zeigen können, was ich diesen Sommer gewonnen habe. So viele Herzen, und lauter frohe, harmlose, und keins betrübt und zerbrochen.« Wie froh sah sie aus, als sie das sagte, und so frisch und herzenswarm. Sie mußte wahrlich die Herzen gewinnen. Die ernsten Augen der Frau lagen auf ihrem Gesicht, und plötzlich brach ein warmer Strahl, der sich nicht zurückhalten ließ, aus ihnen. »Das ist ein herziges Bildchen,« sagte die Frau. Und dann, ganz unvermittelt: »Sie meinen es gut, es muß Ihnen gut gehen auf der Welt. Wenn Sie nur auch so froh bleiben, wie Sie jetzt sind, es tut einem so gut, auch noch frohe Menschen zu sehen, die sind selten.« Adelheid war seltsam befangen. Es kam plötzlich solch eine Wärme aus dieser verschlossenen Frau heraus und sie wollte sich dessen freuen, aber sie konnte nicht recht.

»Ach,« sagte Adelheid, »ich habe auch schon mein Teil Trauer gehabt im Leben. Wenn man ohne Eltern heranwächst und niemand ganz Eigenes hat. Es ist aber wahr, ich weiß nicht, wie’s kommt, ich muß mich an vielem freuen. Das Leben ist doch so schön, ich wollte, alle Menschen freuten sich dessen. Und,« sagte sie auf einmal mit hervorquellendem Mut: »ich wollte, ich hätte Ihnen etwas zu geben, das Sie froh machte. Sie sind’s nicht. Oder mein ich das nur?« Die Frau wusch eifrig weiter. Sie hatte das Gesicht über ihre Arbeit gebeugt und nichts mehr regte sich. »Es geht mir nicht schlecht,« sagte sie nach einer kurzen Weile. »Es kommt jedem etwas, das er tragen muß. Mancher ladet sich’s selber auf und muß es dann schleppen. Was man sich selber aufladet, ist auf die Dauer schwerer als das, was Gott schickt. Aber es muß dann auch gehen.« Sie stand so unscheinbar an ihrem Waschzuber. Sie war weder jung noch schön, noch lieblichen Wesens, auch nicht besonders klug und hatte keinerlei Interessen, die über ihren täglichen Kreis hinausgingen. Und doch hatte sie etwas ganz Besonderes an sich. War es, daß sie im stillen eine Last trug, die sie niemanden klagte? Was mochte sie sich aufgeladen haben? Denn sie hatte doch vorhin von sich selbst gesprochen.

Adelheid stand noch in stillen Gedanken ihr gegenüber, da sagte die Frau, wie aus einem langen Gedankengang heraus: »Ich bin gar nicht in die Welt hinausgekommen. Ich war immer hier, in diesem Haus. Es ist meines Vaters Haus. Man kann aber daheim auch genug erleben, das ist überall eins.« Dann brach sie wieder ab. Sie hatte noch viel auf dem Herzen. Aber sie drückte es wieder hinunter, sie hatte die Macht dazu, es für sich zu behalten, und Adelheid wollte nicht fragen. Sie ging in die Stube, um dem Meister ihr Blatt zu zeigen. Der sah es an, er wollte es nicht loben. Er atmete aus tiefer Brust und zog die Augenbrauen zusammen. »Was ist, wo fehlt’s?« fragte Adelheid. Da nahm er einen Anlauf zum Reden. »Es ist gut gelungen,« sagte er. Sonst nichts. Es lag ihm etwas anderes obendrauf, etwas, das er nicht sagte, das konnte man gut merken. »Wenn’s Ihnen nicht gefällt, so sagen Sie’s nur ganz ehrlich.« Adelheid war ein wenig ärgerlich. »Sonst muß ich mir den Gottfried holen, der sagt seine Meinung frei heraus.« »Ja,« brach er nun los, »ich wollte, ich dürfte das auch. Aber das habe ich mein Lebenlang noch nicht gedurft. Als ich so ein Bub’ war, wie der Gottfried jetzt, starb meine Mutter. Meinen Vater hab’ ich nie gekannt. Da kam ich hierher ins Haus meines Pflegers. Der war ein Schuhmacher. Ein geschickterer, als ich geworden bin. Ich mußte auch einer werden, als ich aus der Schule kam. Das war so natürlich, daß man mich gar nicht fragte. O ich hab’ auch einmal aufgemuckt. Ich hab’ auch einmal gesagt, was ich wollte. Ich wollte Musik machen lernen, es nahm mir fast den Atem, wenn ich ein Instrument hörte. Ich hätt’ auch etwas anderes gelernt, ich hätte die Musik dran gegeben, wenn ich hätte in Büchern lernen dürfen. Aber da kam ich schön an. Wissen Sie, wie man mir die Gelüste ausgetrieben hat? Hinausgehauen hat man sie! Ausgeprügelt.« Der Mann war in einer Erregung, Adelheid hatte ihn noch nie so gesehen. Als sei an einem vollen Dampfkessel das Ventil geöffnet, und lasse die zusammengepreßte Gewalt ausströmen, so flutete es aus ihm heraus.

Er nahm sich gewaltsam zusammen. »Aber das ist nichts für Sie,« sagte er. »Was wissen Sie von so etwas?«

»Doch, das ist etwas für mich.« Adelheid saß ihm gegenüber auf dem niedrigen Fenstersims. Sie lehnte den Kopf an den Rahmen und sah ihn herzlich an. Ihr kleiner Ärger war längst verflogen.

»Erzählen Sie mir das alles, warum soll ich von so etwas nichts wissen? Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt und weiß, daß man im Leben kämpfen muß.« Sie füllte die Fensteröffnung fast ganz mit ihrer hellen Gestalt; er sah an ihr hinauf und sprach weiter, gesänftigter, als ob es ihm eine Wohltat sei, sein Leben vor ihre Augen zu legen.