Von den Lehrlingsjahren sprach er und von seinem Ungeschick zum Handwerk. Von seiner Unlust dazu, die ihn drückte und würgte, und von der Furcht vor den Schlägen des Lehrmeisters. Von der ganzen zusammengepreßten Jugendlust am Streben und Leben.

Dann von der Gesellenzeit und den Militärjahren, wo er von ferne die bunten Bilder des Lebens hatte an sich vorbeiziehen sehen. »Da hab’ ich meine Lieder singen gelernt,« sagte er. »Das war schön, wenn wir sie sangen zum Marschieren am frühen Morgen beim Ausrücken. Und wenn dann die Regimentsmusik spielte. Die Brust wollt’s einem zersprengen vor Hochgefühl.

Da hab’ ich mich auch manchmal vor die Schaufenster gestellt, wo Bücher und Bilder ausstanden, und hab’ alles um mich herum vergessen vor Staunen. Daß man so viel Bücher schreiben kann. Was da alles darin stehen mag? Und die Bilder; wie man so etwas machen kann? Das ist ja ein Wunder. Grad so viel hab’ ich gesehen, daß ich’s weiß, das gibt’s alles; mehr nicht.«

Er hämmerte eine Weile drauf los, schweigend, und wie von einem inneren Drang beseelt, sich frei zu schaffen. Dann sagte er: »Grad an dem Tag, als ich vom Militär frei kam, schrieb mir Regine – das ist meine Frau. Das wissen Sie noch nicht, daß sie meines Pflegers Tochter ist? Wir sind immer zusammen gewesen. Sie ist aber älter als ich. Jaso. Ja, sie schrieb mir, daß ihr Vater krank sei, vom Schlag gelähmt. Ich solle kommen, das Geschäft fortführen. Was sollte ich anders? Ich konnte mich nicht besinnen, ob ich wollte oder nicht. Das hab’ ich nie gekonnt in meinem Leben, es stand immer alles vor mir, ein Zaun hüben und drüben am Weg. Und das, was ich gern gewollt hätte, war hinter dem Zaun.«

Adelheid sah so teilnehmend in ihn hinein. Sie konnte hier nichts geben, als ihr lebendiges, stilles Zuhören. Was für ein Strom verborgenen, zurückgedämmten Lebens ging da an ihrer Seele vorüber. Sie sagte auch in den Pausen nichts; sie war ganz still. »Dann ging vollends alles seinen Weg,« fuhr der Mann fort. »Nach einem Jahr starb der Meister. Er konnte nicht mehr sprechen, aber zeigte mir mit Gebärden, daß ich das Geschäft fortführen solle. Und dann – dann tat ich’s. Die Tochter hat dazu gehört. Ich hab’s nicht gleich begriffen, ich hatte nicht daran gedacht. Sie war mir lieb und wert. Aber ich hatte mir das anders vorgestellt, das mit dem Liebhaben und Zusammengehören. Ganz anders. Man machte mir das deutlich. Es sei ein Glück für mich, hieß es. Ein Haus und ein Geschäft zu haben, und eine rechte Frau dazu. Solch ein armer Mensch wie ich. Sie wollte mich gern, das konnte ich deutlich sehen. Am Ende hatte ich mir das andere nur eingebildet, das mit dem Glück und dem Zusammenstimmen. Da hab’ ich sie gefragt. Und seither hausen wir zusammen.«

Der Sommergast hatte sich langsam von seinem erhöhten Sitz herabgelassen. Das war so etwas Wehtuendes. Das schnitt so scharf in ihre liebewarme Seele hinein. Sie waren alle beide nicht glücklich, der Mann und die Frau. Und dabei war wohl nichts zu helfen.

Adelheid wendete das Gesicht den Fenstern zu. Draußen kam vom Tal herauf ein Herbstnebel und hüllte nach und nach die ganze Gegend ein. Sie sah dem Gewoge zu.

Da sprach er weiter, hinter ihr. Sie sah nicht, wie seine Augen an ihrer Gestalt hingen, wie er aufstand und die Hände auf dem Rücken verschränkte in ohnmächtigem Verlangen. Sie hörte nur, daß seine Stimme zitterte.

»Es geht mir immer so,« sagte er. »Jetzt, heut’, mit Ihnen. Ich sehe und höre von allem, was das Leben reich macht, so viel, daß ich weiß: das gibt’s. Daß ich sehe: das könnte ein Leben sein, wenn du das hättest. Und dann muß ich’s wieder lassen. Nur grad soviel, daß ich Hunger darnach bekomme. Nur grad vor mir sehen und nicht fassen dürfen.«

Sie wagte nicht umzusehen, es wurde ihr so unbegreiflich schwül zumute. Das war ein Ausbruch! Daran hatte sie nicht gedacht.