»Und da soll ich noch Ihr Bildchen loben und mich dran freuen? Das sind die Herzen, die Sie diesen Sommer gewonnen haben? Und Sie nehmen sie mit nach Hause und zeigen sie Ihren Freunden und sagen: ›Seht her, was ich mitgebracht habe!‹ Bin ich nicht auch ein Mensch? Und ich bleibe hier zurück, und wie? Sie aber gehen, denn der Sommer ist dahin.«
Sie war ein rechtes, tüchtiges Menschenkind. Es war eine junge, starke Kraft des aufrichtigen Empfindens und Wollens in ihr. Darum wandte sie sich nun nicht in heiligem Unwillen von ihm, flüchtete nicht erschrocken vor den Wellen seiner armen, heißen Lebensleidenschaft. Sie fing auch nicht an, mit grüblerischem Forschen in sich herumzuquälen: »Hätte ich etwas anders machen sollen? War es am Ende Sünde, daß ich ihn an allem teilnehmen ließ, was ich lebte und genoß?«
Die Schwüle war vergangen. Das, was sie sah, war klar, und sie verstand sich selbst und ihn.
Der Schuster hatte damals auf der Heuwiese zu ihr gesagt: »Es gibt scheint’s Augen, die immer sehen, was schön ist, die sind dazu gemacht.« Da hatte er noch nicht gewußt, daß solche Augen auch Innerliches sehen können, und daß sie das Schöne herausfinden, mit dem tiefen, sicheren Blick des Quellenfinders, auch da, wo es sich nicht klar und lauter zeigt, wo es getrübt und vermischt mit Unreinem ist.
Sie hatte ihm etwas, das ihn freute, in sein Leben hereingebracht. Und nun sie es wieder mitnahm, litt er darunter. Das war so natürlich. Dafür konnten sie beide nichts. Das mußte getragen sein. Er war ein armer Mensch, er hatte keinen Trost in sich selbst. Es verlangte sie, ihm einen zu geben. Aber welchen? Daß sie in Freundschaft seiner gedenken werde? Das war nichts. Das konnte ihm nichts helfen.
Sie hatte auch eigentlich nur eine offene, herzliche Teilnahme für ihn. Die war echt. Aber sie konnte dem Mann nichts helfen. Die konnte sie ihm nicht geben. Wenn er doch nur gesehen hätte, wie viel Gutes er habe, Eigenes, bei sich im Haus, das ihm blieb. Und wenn’s nur die Kinder waren. Aber das konnte sie ihm alles nicht sagen. Ratlos wandte sie sich um. Sie wollte ihm die Hand geben und nach einem Wort suchen, das vom Herzen komme.
Da sah sie unter der offenen Tür auf der Schwelle die Frau stehen. Und als sie ihr ins Gesicht sah, wußte sie, daß hier eine verborgene Kraft der Seele ins tätige Leben getreten sei, und daß die Kraft Gutes bedeute, irgend etwas Gutes, für den Mann, der so arm war in seiner innerlichen Unkraft. Daß sie nicht zu helfen brauche mit ihrer armseligen Teilnahme, sondern daß da Liebe sei, echte, rechte, die sich ans Tageslicht dränge wie ein Quell. Zu dieser Stunde und nicht früher, obgleich sie früher wohl dagewesen sein mochte. Adelheid ging zur Tür. Sie wußte nichts zu sagen. Es war ihr auch nicht mehr not.
Aber im Hinausgehen gab sie der Frau die Hand.
Die tat einen Schritt vorwärts. Sie trocknete sich die Hände und streifte die Ärmel herunter. In ihrem tieferblaßten Gesicht sprachen nur die Augen, und sie holte Atem, tief und schwer von unten herauf. Der Mann konnte noch nicht lesen, was in ihren Augen stand. Er ließ die geballte Faust schwer auf den Schustertisch fallen und streifte mit den Augen die Frau; scheu und trotzig und unsäglich elend sah er aus. »Sag nichts,« sagte er mit tonloser Stimme, »sag nichts! Du hast alles gehört, ich seh’s. Na ja. Ich bin auch ein Mensch. Das will einmal heraus. Jetzt weißt du’s. Laß mich mit Fried’, jetzt.« Es kam stoß- und ruckweise heraus. »Oder, ’s ist mir auch einerlei, kannst auch schelten. Aber nichts über das Fräulein. Kein Wort. Die ist gut, die kann nichts dafür, daß ich –, das ist alles aus mir heraus.«
Seine Stimme verging. Es schüttelte ihn von innen heraus. Er legte die Hand auf die Augen.