Da trat sein Weib zu ihm. Wie eine Mutter und auch wie ein liebendes Weib trat sie zu ihm. So voll des Rechtes, zu trösten. Er war unglücklich, und sie hatte ihn lieb. Er war nie recht glücklich gewesen und sie hatte ihn immer lieb gehabt. Aber sie hatte es ihm nicht zeigen dürfen. Sie hatte eine Schuld auf sich gehabt, all die Jahre her, die hatte sie stumm gemacht und scheu. Und ihre Schuld war gewesen, daß sie sein Leben an das ihre gekettet hatte, trotzdem sie wußte, daß er sie nicht liebte mit einer großen, starken Männerliebe. Sie hatte auf das Kommen dieser Liebe gehofft und gewartet, und als die Hoffnung abnehmen mußte, als sie ihn hungrig sah, gedrückt und flügellahm an ihrer Seite, da wollte sie wenigstens eins tun, ein Großes, ihm zu Lieb. Sie wollte ihre Liebe in sich hineinschließen. Er sollte sie nicht sehen, sie mußte ihn ja quälen. Sie sorgte für ihn und für die Kinder. Mehr durfte sie nicht. Aber jetzt, heute.
»Andres,« sagte sie, »Andres, mußt nicht so verzagt sein.« Sie legte ihm die Hand auf die Schulter, leicht, leise.
Es war ein Glücksgefühl in ihr, ein ganz eigenes. Eines, das nur die Menschen kennen, die schon ganz arm gewesen sind. Teil haben an seiner Last, die man so gut kennt, so gut. In seiner Armut zu ihm stehen, nun das andere geht, das Sonnige, Helle, das sein Leben gestreift hat. Ihm zeigen: Du bist nicht allein, die Treue bleibt dir, du Armer.
Das ist auch schon ein Glück für solch ein Herz. Aus dem vollen Reichtum heraus wäre das ein Elend. Aus der Armut heraus, aus dem stummen, zugeschlossenen Nebenhergehen – ihr war es ein Reichtum. Sie hatte diese Stunde kommen sehen, all die Zeit daher.
An seinem aufgehellten Wesen, an seinem Gesang, an tausend kleinen Zügen. Und sie hatte gewußt, daß ihm die andere nichts zu geben habe. Daß sie gehe und sein aufgewachtes, hungriges Herz zurücklasse. Das hatte so kommen müssen. Daran war gar nichts aufzuhalten und zu ändern gewesen. Das hatte der Sommer zur Reife gebracht. Und nun war er dahin.
– Er zuckte zusammen unter ihrer linden Berührung. Als ihn ihre Stimme traf, mit so einem eigenen, zitternden, warmen Klang, sah er auf. Er hatte etwas anderes erwartet. Er hätte auffahren, lospoltern mögen, sich verteidigen, ihr ins Gesicht schleudern: Laß mich, du! Was verstehst du vom Leben, vom Liebhaben, vom Feuer, das in mir brennt?
Das konnte er nun nicht. Das konnte er ihr nicht sagen.
Diese Frau, deren Augen so voll und tief und fest auf ihm lagen, verstand wohl etwas von dem allen. Das sprach aus ihr heraus. Und ihn streifte eine Ahnung von dem, was in ihr war. Er ließ den Kopf wieder sinken.
Da wagte sie es, sein Haar zu streicheln. Der kleine Bub’ hatte sich am Morgen gestoßen, er hatte eine Beule an die Stirn bekommen; den hatte sie auch so gestreichelt und dazu liebe Worte gesagt: »So, so, nun wein’ nicht mehr. Das geht vorüber. Das tut nur eine Weile weh.«
Das gleiche konnt sie zu ihm nicht sagen, der da saß und wund vom Leben war. Aber ihre Liebe redete doch.