»Ich versteh’ dich so gut. Ich weiß, wie das ist. Sehen, vor Augen haben und doch nicht besitzen. Lieb haben und sich hungrig sehnen. Und vorbei lassen müssen. Wenn man’s nicht wüßte, wär’s leichter. Aber glaube, meine Last war schwerer als die deine. Denn ich trug sie lang und still, und ich mußte dich leiden sehen. Durch mich.«

Das sagte sie ihm nicht alles so nacheinander. Aber er verstand sie doch. Er saß und rührte sich nicht. Er war so wunderlich aufgerührt in seinem Innern. Da war noch ein Leid neben dem seinigen. Da war ein Mensch, ein lebendiger, dessen ganzes Herz ihm gehörte. Der begehrte nichts, als zu ihm zu stehen, ihn zu trösten, etwas Gutes zu sein in sein Leben herein.

Wie ein Riß im schwülen, dunklen Gewölk war das, durch den der klare, blaue Himmel hereinsieht.

Wie ein Acker, der vom Hagel verwüstet und ganz zertreten schien, und auf dem sich doch noch Halme mit Ähren aufrichten, still und stark, und eine Ernte verheißen, wenn auch keine üppige, lachende. Sie begehrte jetzt kein Wort von ihm. Er ließ sie ja bei sich. Er wies sie nicht ab mit ihrer stillen Tröstung. Das war jetzt genug.

Das Kleine in seinem Wagen erwachte und ließ seine Stimme hören. Da ging sie hin zu ihm und hob es heraus. Und ein Lebens- und Freuden- und Kraftgefühl war in ihr, daß sie das Kind hoch in die Höh’ hob. »Du Schatz,« sagte sie, »du Schatz.«

Sie war ja jetzt reicher als vor sechs Jahren als Braut. Damals hatte sie nach Liebe gehungert und ihrer begehrt. Jetzt liebte sie. Sieghaft brach die Liebe aus ihr heraus. Hier in diesem Haus war Liebe nötig, echte starke. Und niemand sollte fürderhin daran Mangel leiden.

Das wuchs, das drängte. Sie hatte selbst nicht gewußt, wie lebensreif das alles in ihr gelegen hatte.

»Mann,« sagte sie zu dem zusammengesunken Dasitzenden, »du, Mann, da guck den Kleinen an. Ist er nicht ein Schatz?«

Sie hätte jetzt noch viel sagen können. Liebes, Warmes, Aufmunterndes. Aber er war so wund, da durfte man nicht derb zugreifen. Da konnte sie nicht sagen: »Ich bin nun einmal dein Weib, und die Kinder sind deine Kinder. Und wir wollen suchen, einander mehr zu sein, als seither.« Das nicht und sonst viel Schönes nicht. Das sagte nur ihr Wesen, ihr stilles, liebes Tun, das auf einmal so anders, so selbstverständlich um ihn her war.

Er hatte seine Mutter kaum gekannt. Nun schien ihm sein Weib beides zu sein, Weib und Mutter. So hatte er sie noch nie angesehen, so warm hatte es ihn nie zu ihr gezogen, wie jetzt, da sie das, was ihn als Schuld drücken wollte, nur als Lebensleid ansah, und sich zu ihm stellte, es tragen zu helfen.