Heute war sie lange still geblieben.

Es geht etwas in ihr um, dachte das alte Fräulein.

Das braucht seine Zeit, bis es spruchreif ist. Sie konnte warten. Sie wußte schon, daß es komme.

Adelheid nahm die Feuerzange und stieß in die Ofenglut. Mit einer so heftigen Bewegung tat sie es, als ob sie damit irgend einem unsichtbaren Feind einen Treff versetzen wollte. »O, ich wollte, ich brauchte gar nicht mehr von hier hinaus,« sagte sie plötzlich, unvermittelt: »Wenn man nie weiß, was man den Leuten antut mit sich selbst. Wenn man einfach in den Tag hineingeht und sich des Lebens freut und der Menschen. Und dann ist’s doch nicht gut getan. Und ich kann nicht anders sein, als ich bin.«

Da kam nun die Sommergeschichte an den Tag.

Sie hatte sich doch mehr damit gequält, als sie am Anfang gedacht hatte. Nicht mit Selbstvorwürfen. Aber mit Fragen: warum ist das so? Warum haben nicht alle Menschen die Macht, sich aneinander und am Leben zu freuen? Warum müssen sie durcheinander leiden und sind doch ohne Schuld daran? Da war die Mutige, Frohe eine Furcht vor dem Leben angekommen.

Es ist nicht leicht in Worten wiederzugeben, was aus dem abgeklärten Gemüt der Alten in das junge, aufgestörte Wesen hinüberfloß. Daß die Menschen einander brauchen, zum Aufwachen, zum Werden, durch Freuden und Schmerzen hindurch. Daß ein heiliger Wille auch über dem lebe und walte, was uns unklar und verworren scheine. Und daß nur Einer sehe, was der Sommer des Lebens für Frucht zeitigen solle. Und daß die Menschen nur reines Herzens vor ihm leben sollen, und das andere ihm anheimstellen.

Man kann das nicht so sagen. Man muß solche Dämmerstunden kennen, um zu wissen, welch still- und frohmachenden Schatz man von ihnen hinaustragen kann ins laute Leben des Tages.


Es war ein heller, heißer, staubiger Sommertag im nächsten Jahr. Kurz vor den großen Ferien.