Niemand hatte mehr rechte Lust, Vorträge anzuhören oder Studien im Zeichensaal zu machen.
In der viertelstündigen Pause zwischen den Vormittags-Übungsstunden der Kunstschule war es. Sie standen so in zwanglosen Gruppen herum, die jungen Träger der Kunst der Zukunft. Auf der Steintreppe, unter den Arkaden, in der kühlen Eingangshalle. Wohin man ausfliegen wolle, beriet man, und ob man den Semesterschluß ganz abwarte – bei dieser geisttötenden Hitze.
»Eine Schande ist’s, jetzt in den Stuben zu hocken,« sagte Heinz, den wir bereits kennen und dessen anderer Name hier nichts zur Sache tut. »Fenster auf und hinaus. Einmal ich. – Hallo, was gibt’s da?« unterbrach er sich. Er trat aus seiner Gruppe und sah zu, wie Adelheid Solger, aus der Halle kommend, die breite Treppenflucht hinunterflog, auf einen Mann von bäuerlichem Ansehen und einen kleinen Buben zu, sah, wie sie den Beiden die Hände schüttelte, und wie das bärtige Männergesicht aufleuchtete in frohem Grüßen.
Und dann ging er, als der Nächste dazu, ein paar Schritte entgegen, als sie die Gäste heraufführte.
»Das sind meine Freunde aus Steinkirchen,« sagte Adelheid, sobald sie bei ihm angelangt waren. »Dies hier ist Gottfried, wissen Sie, mein Kritiker. Und das ist sein Vater.«
Der Schuhmacher sah froh und verlegen zugleich drein. Er hatte etwas auf dem Herzen. Aber er brachte es nicht so leicht vor, hier, in dieser Umgebung, wo ihm das Fräulein fremder, ferngerückter schien, als da sie bei ihm in der Himmelreichsgasse wohnte. Es war nur gut, daß er den Gottfried mit hatte. Der tat nicht lang fremd.
»Jetzt mußt du wieder kommen,« sagte er mit seiner hellen Bubenstimme. »Wir haben ein Kleines, und die Mutter hat gesagt, das müsse so heißen, wie du. Damit man wieder eine Adelheid habe, und du mußt zu Gevatter stehen, hat sie auch noch gesagt.«
Heinz lachte laut auf.
»Du bringst deine Sache gut vor, Junge,« sagte er. »So ist’s gut, nur nicht lang gefackelt.«
Diesmal besann sich Adelheid nicht lange, ob sie nicht abgewiesen werde. Sie beugte sich zu dem kleinen Buben herunter und küßte ihn in sein rundes, ernsthaftes Gesicht hinein. »So, muß ich?« sagte sie und lachte. Es war ein so fröhliches, befreites Lachen. Und sie streifte dabei mit fragenden Augen den Mann. »Ist das wahr? Könnt ihr mich brauchen?«