Es war in der Gemäldegalerie. Sie standen vor einem goldenen Kornfeld, dessen reife Ähren sich schwer niedersenkten in der Last ihrer Körner. Voll warmen Sonnenglanzes war die Luft; und im Hintergrund führte ein schmaler Weg zu einer Menschenhütte. Sie sahen lang darauf hin. Ihre Gedanken waren beim vorigen Sommer. Und dann gaben sie sich die Hand darauf, daß das Leben doch reich sei, fruchtbar und schön. Ohne Worte, nur aus einem inneren Verstehen heraus, das den Sommer des Lebens ansah, wie den Sommer des Feldes.
Aus Kindertagen
Ich bin wieder einmal die alten Wege gegangen. Den Landolinsberg hinauf gegen die Burg hin und den grünen Weg entlang. Mich dünkt, er sei nicht mehr so grün, wie einst. Ich kann mir noch Zeiten denken, da schlugen die Büsche und Bäume hoch über einem zusammen und man war ganz ins Grüne hineingetaucht. Bis sich dann auf einmal die Wölbung auftat und das Neckartal vor einem lag und alles in Licht und Sonne und Farbe und Duft schwamm, die Stadt, die liebe, alte Stadt mit ihren Türmen und Giebeln und Gassen und der Neckar und die jenseitigen Höhen. Wenn dann eine Uhr zu schlagen anhub und eine nach der andern folgte, die auf dem neuen Rathaus, und die auf dem alten Rathaus, auf der beim Zwölfuhrschlag der Adler mit den Flügeln schlug, und auf der Stadtkirche und dem Schelztor und dem Pliensautor, und die hellen und dunkleren Töne da oben in der Luft verzitterten. Und wenn dann noch die Vesperglöckchen nacheinander läuteten, das helle, flinke auf der Burg drüben zuerst und man wußte: in fünf Minuten kannst du drunten sein, da, wo der Giebel des Vaterhauses hart an die alte Stadtmauer anstößt.
Ich kann doch nicht verlangen, daß alles noch gleich sei, wie damals. Das alte Schützenhäuschen kann ich nicht mehr finden, das dem Weinbergschützen zum Unterstand diente. Und in die Weinberge hinein, die sonst dort hinanstiegen, haben sie eine Villenstraße gebaut. Sie haben recht, es ist da schön zu wohnen. Und der grüne Weg ist viel breiter, als früher und hat schöne Anlagen mit Sitzbänken. Ich kann es nicht anders verlangen, aber ich bin doch lieber weitergegangen. Es wohnt jeder einmal im Paradiese, und es muß jeder einmal hinaus und den Acker bauen, der Dornen und Disteln trägt. So lang man drin ist, weiß man’s nicht, und wenn man davon weiß, dann ist man – drin gewesen. Und man sucht den Ort, aber er ist nicht mehr. Dann muß man still sein und sich in sich selbst bergen, denn da allein ist er noch zu finden. Da grünen noch die alten Bäume und reifen die Früchte, die später nirgends mehr so frisch und süß zu finden sind, da wandeln die Gestalten, die längst dahin sind, da ist alles unverloren aufgehoben und es liegt noch ein Goldglanz darüber, das ist der Edelrost, den die Jahre dazu tun.
Der Weinberg, in dem der Mattheiß einst seine Reben beschnitt, ist auch nicht mehr. Zwar, als ich vorüberging, wehte der süße Duft der Rebenblüte fein und stark aus dem Garten, der an seiner Stelle liegt, zu mir herüber. Aber es ist nur ein Wandelgang, mit Wein bewachsen, der den Garten oben abschließt, und zwischen den Lücken schimmern dunkle Blumenbeete und die weißen Wände eines neuen Hauses gegen die Straße herauf.
So muß ich versuchen, die Erinnerung, die mit dem Duft der blühenden Reben und dem grünen Weg und dem Mattheiß zusammenhängt, aus mir herauszuholen und sie noch einmal ans Tageslicht zu bringen, ehe sie der Vergessenheit anheimfällt, wie alles, was seine Zeit auf Erden gehabt hat.
Zwar der Anfang liegt mir nicht offen; es ist ein lichter Nebel darüber gebreitet, wie über einen Maimorgen. Man sieht nur die Umrisse, die nach und nach schärfer und bestimmter werden, während der Nebel sich lichtet, bis auf einmal Häuser und Bäume dastehen und ein Fluß aufglitzert und Gestalten, die man kennt, dazwischen hingehen.
Ein Morgen dämmert mir zuerst herauf, wenn ich an den Mattheiß denke. Er war im Weinberg, draußen vor der Stadt. Wie ich aber dahin gekommen bin, weiß ich nicht mehr zu sagen. Es war sonnig und doch kühl dabei und ich weiß noch, daß in dem leuchtenden Blau des Himmels große, zusammengeballte, weiße Wolken hingen, die langsam fortsegelten und daß ich zu dem Mattheiß sagte, ich möchte auf so einer Wolke in den Himmel hineinschwimmen. Der Mattheiß sah mich an und schüttelte mit dem Kopf, denn er konnte nicht begreifen, daß man sich so etwas wünschen mochte. Er war groß, grobknochig und hager und kam, wie der Volksmund sagt, »oben herein«, das heißt, er trug den Kopf und die Schultern stark vornübergebeugt. Das kam wohl davon, daß er viele Jahre seines Lebens die schweren Butten voll Erde den steilen Weinbergshang hinaufgetragen hat. Aus seinem schwarzbebarteten Gesicht heraus aber sahen ein paar gute, blaue Augen in die Welt hinein und auf mich nieder, als er sagte: »Auf was für Gedanken kommst du aber auch. Auf einer Wolke! tätest ja herunterfallen. In den Himmel kommst du auch so noch, heißt das, wenn du brav bist.«
Aber so tief wollte ich die Sache nicht genommen wissen. Mir war nur beim Anblick der leuchtenden Segler da oben die Sehnsucht aufgestiegen, die auch schon in einem Kinderherzen Platz hat, und die die Arme breiten möchte in lichte, unbekannte Fernen voll Glanz und Herrlichkeit. Nun kam ich wieder auf die Erde herunter.