Der Mattheiß hantierte schon wieder mit seiner Schere an den Reben herum. Ich war seither auf einem Weinbergsmäuerchen gesessen, jetzt kam ich heran und sah ihm zu. Die Schere klappte eintönig weiter, und wo sie zugriff, da fielen saftstrotzende Triebe auf die Erde und hingen schwere, klare Tropfen an den Wunden der Reben. Die lösten einander ab und klatschten auf dem Boden auf und der Boden trank sie in sich hinein.

»Mattheiß, warum tust du so?« wollte ich wissen. »Warum läuft das Wasser da heraus und warum schneidest du alles das Holz weg?« Und der Mattheiß gab mir Auskunft wie ein Schulmeister und auch wie ein Philosoph und ich meine, damals habe mein Kinderherz zum erstenmal gespürt, wenn auch unklar, daß es auf der Welt Wunden und Schmerzen und Tränen gebe, die sein müssen und die man einem nicht ersparen könne. Ich hielt mein Halstüchlein an eine solche tropfende Wunde, denn der Mattheiß hatte mir gesagt, daß das geweint sei, was die Reben jetzt tun, und ich meinte, ich müsse den funkelnden Regen aufhalten. Aber das Wasser drang hindurch und ich mußte mein Tüchlein in die Sonne breiten zum Trocknen und so lang es trocknete, ersah ich mir eine Freude, die das flüchtige Leid schnell vergessen ließ. Am unteren Ende des steilen Hanges stand ein Syringenbaum in voller Blüte, und ich brach von dem niedrigsten Ast ein paar prächtige lila Blütendolden und begann eines jener zerbrechlichen Kränzlein zu flechten, die man hie und da mit Rührung und Staunen noch nach Jahren in seinen alten Schulbüchern getrocknet findet, die aber an der Sonne so schnell vergehen, wie die Stunde, in der sie geschaffen wurden.


Mattheiß war ein alter Metzgerknecht, der neben dem Beruf her seines Herrn Weinberg bearbeitete. Den Herrn sah ich auch ein paarmal. Er war klein und dick und kurzatmig und hatte rote, entzündete Äuglein, die wie zwei schmale Schlitze in dem runden, rötlichen Gesicht standen. Als ich eines Tags bei meinem Freund auf der Weinbergsmauer saß und mit ihm sein Vesper teilte, Blutwurst und Schwarzbrot, und wir im allervergnüglichsten Gespräch waren, da kam der Herr an einem Stock mit kurzen, eiligen Schrittlein dahergesteckelt und schnaubte gefährlich, als es aufwärts ging, und sah mich mit seinen kleinen Äuglein verwundert an. Er war gar kein böser Mann, nicht im mindesten, aber es war mir unbehaglich, daß er nun so umhersuchte und die Traubenstöcke besah, die schön angesetzt hatten und daß er meinen Freund Mattheiß dies und jenes zu tun anwies, und daß er mich schließlich in einen meiner bloßen Arme kniff und – he – he – he hervorhustete, indem er mit Wetzstahl und Messer, die er unter der Schürze hängen hatte, eine üble Musik vollbrachte: »die sind gut fett, die.«

Das alles schien mir eine Einmischung in unser stilles, schönes Weinbergsleben zu sein und besonders in meines Freundes Königreich. Denn ich hatte ihm den Weinberg schon lange zugeteilt als seinen Ort, an dem er regiere und walte und daheim sei, und an den ich zu ihm kommen konnte als in sein Eigentum.

»Ja, was denkst du auch,« sagte der Mattheiß, als ich ihm meine Entrüstung und meine ganze Anschauung vortrug. »Was denkst du auch. Ich – und einen eigenen Wengert. Das wär noch schöner. Ich bin ein armer Dienstbot. Das bin ich meiner Lebtag gewesen.« Es tat mir etwas weh, als er das so ruhig hinsagte. Ich hätte ihm etwas schenken mögen, ein Stück Land oder ein Haus oder Rosse und Wagen. Aber ich hatte nichts, das ich verschenken konnte. Da sagte er, und deutete mit dem Hauenstiel hinüber, wo die weißen Kreuze und Grabsteine des Friedhofs in der Sonne schimmerten und die dunklen Cypressen wie ernste Wächter standen: »guck, Kind, da kriegt einmal ein jeder sein Plätzle. So groß er’s braucht und nicht größer, auch nicht kleiner. Der Wengert, so lang ich drin schaffe, gehört mir jeder Traubenstock, und mitnehmen kann ihn der Herr nicht und der Knecht auch nicht.«

Er war ein Philosoph, mein Freund Mattheiß, ein Lebenskünstler. Das verstand ich damals nicht. Aber irgend etwas in mir, eine Unruhe, ein Drang kam zur Ruhe. Es war nicht unrecht, wie es war, es war recht. Dem Mattheiß war es recht. Da war es mir auch recht.

Was das weiche Wachs eines Kindergehirns alles aufbewahrt! Hie und da sind Lücken. Ich weiß nicht mehr, wo unsere Freundschaft anfing und es ist niemand, der es mir sagen könnte. Aber sie war. Ich wurde damit geneckt, vom Vater und von den Brüdern, und ich ließ es mir gefallen. Wenn er mir, was ein paarmal vorkam, mit dem Metzgerkarren begegnete, auf dem ein geschlachtetes, zerhauenes Stück Vieh lag, dann ging er mich nichts an. Dann sah ich ihn, der eine blutige Schürze trug und der in großen, groben Schuhen mit schlürfenden Schritten hinter dem Karren herging, von der Seite an wie einen Fremden. So muß ich denken, daß er mir draußen im Weinberg etwas von sich gab, das er nur dort zu geben hatte, ein Stück Leben, eine Weisheit und Güte, die sich dort draußen auftat, wo die Natur um ihn und um mich herum war mit Sonne und Winden, mit Himmelblau und mit ziehenden Wolken, mit tropfenden, blühenden, früchtetragenden Reben.

Einmal schickte er mir einen Gruß in die Ferne. Das war, als ich zur Herbstzeit in der Vakanz verreist war. Da trat viel Neues in mein Leben, Menschen, Gärten, Wälder und Berge, Eichhörnchen und junge Raben, eine Schaukel zwischen zwei Bäumen, auf der man hoch in die Lüfte fliegen konnte, Buben und Mädchen und ein Luftkegelspiel. Ich lebte ganz in der Gegenwart und ich glaube nicht, daß irgend ein Gedanke in diesen Tagen den Mattheiß auch nur gestreift hat.

Da kam eines Morgens eine große Holzschachtel aus der Heimat an mich mit der Post, und als ich die Schnüre löste und den Deckel aufhob, da lachten mich aus grünen und purpurnen Blättern heraus die schönsten Trauben an. Blauschwarze, großbeerige Portugieser, und hellgrüne, durchsichtige Gutedel, und die gelblichen, süßen Muskateller, die die würzigsten von allen sind.