Da war ich mit einem Schlag eine reiche, wichtige Persönlichkeit geworden, die Gaben auszuteilen hatte und es ging an ein großes Schmausen und Sichfreuen. Es war aber ein Blatt auf den Boden gefallen, liniertes Papier aus einem alten Schreibheft, das hob eine Magd auf und gab es mir, denn es war ein Brief an mich, in großen, ungelenken, groben Schriftzügen von meinem alten Freund geschrieben. Er dachte an mich, und weil die Trauben reif waren und ich nicht da, schickte er mir diesen Gruß, »ehrlich bezahlt an den Herrn,« wie er deutlich schrieb. Ich hatte den Brief lange Zeit aufgehoben, nun ist er nicht mehr vorhanden, ich weiß auch nur noch den Schluß ganz wörtlich. Er lautete: »Ewig dein getreuer Matthias Holzapfel, Knecht bei Metzger Hammer in der Apothekergasse.«
Das kam mir damals sehr schön und sehr rührend vor, und vielleicht war es mir einen Augenblick, als müsse ich jetzt gleich geschwind zu meinem Freund hinlaufen und mich zu ihm auf die niedrige Mauer setzen.
Aber als ich heimkam und mich meine Mutter fragte, ob ich ihm auch gedankt habe, da hatte ich’s nicht getan. Es ist so eine Sache ums danken bei Kindern. Sie haben das Herzlein voll, wenn ihnen jemand etwas Liebes tut, und wenn man ihnen dann ins Gesicht sieht, so kann man’s aus den Augen herauslesen, daß da etwas lebt und überfließt. Aber zum sagen kommt’s nicht so leicht, und wenn man’s von ihnen verlangt, daß sie’s sagen, dann ist der Herzensdank gewöhnlich vorbei, ausgelöscht.
Aber das tat meine liebe Mutter nicht. Sie sagte nur: »Er hat ein paarmal nach dir gefragt. Er ist ein Guter.«
Da kam es mich an, daß ich ihn sehen wollte und ich suchte unter meinen Besitztümern nach etwas, das ich ihm schenken könnte und fand ein Bildchen aus einem durchsichtigen Stoff, den wir Menschenhaut nannten. Das war purpurrot und es war ein goldenes Blumenkörbchen darauf gedruckt und ein schöner Vers stand darunter. Das wollte ich ihm bringen. Ich ging zum Haus und zur Stadt hinaus; das war nicht weit, und ich lief und lief, und es war ein starker Wind um mich her. Die ganze Gegend war grau und es war herbstlich kühl und droben am Himmel riß ein Sturm die Wolken dahin, daß sie flogen. Es waren große, schwere Gebilde und sie veränderten sich fortwährend, aber als ich im Laufen zu ihnen hinaufsah, trieb mir der Wind Staub in die Augen und zugleich fühlte ich, daß einzelne Tropfen fielen. Da lief ich noch schneller, denn nun war ich ganz nahe an dem Weinberg, und ich dachte nicht anders, als daß der Mattheiß da sein müsse, wenn ich ihn suche.
Aber ich fand ihn nicht. Im Weinberg sah es trostlos aus. Er war abgeherbstet und der Wind riß dürre Ranken und raschelnde, welke Blätter umher, die Pfähle aber standen noch immer im Boden und hatten nichts mehr zu halten. Da rief ich, so laut ich konnte: »Mattheiß, Mattheiß.« Aber nirgends wurde sein schlürfender Schritt hörbar, nirgends trat er hervor in seinem zerschundenen Lederjanker und mit seinem guten Gesicht. Da stieg ich die vielen Staffeln empor bis zur Höhe des grünen Wegs, denn vielleicht konnte er auch dort droben sein. Ich kam mir auf einmal so allein vor in dem kühlen, starken Wehen. Als ich oben ankam, fing es an stark zu regnen, der Mattheiß aber war nirgends zu finden. Da trat ich in das offenstehende Schützenhäuschen und setzte mich, da kein anderer Sitz vorhanden war, auf den Sims der scheibenlosen Fensteröffnung, um im Trockenen zu warten, bis es ausgeregnet habe. Es goß in Strömen; das Tal war von breiten, wallenden Wolkennebeln fast ganz verhüllt und ich sah nur in undeutlichen Umrissen Türme und Häuser daliegen und hörte Uhren schlagen wie aus weiter Ferne und mich kam ein Grausen an, das war schön und schrecklich zugleich, vor dem Vergehen des Jahres und der Sonne und vor allem Fern- und Alleinsein. Das kann ein Kind so stark empfinden, als ein Erwachsenes, es weiß es nur nicht zu sagen, nicht einmal sich selbst. Da, in dem Augenblick, als ich mich besann, ob ich nicht mein Röckchen über den Kopf tun und heimlaufen wolle, riß der Wind mein schönes Bildchen, das neben mir auf dem Sims lag, in den Regen hinaus, und ich sah es davonwirbeln und dann schwer und naß niedersinken und wußte, daß es jetzt vergehe. Da schlurfte etwas daher, das man noch nicht sehen konnte, aber ich wußte, daß es der Mattheiß sei, noch eh’ ich ihn sah, und war von aller Einsamkeit erlöst. Er tropfte vor Nässe und als er hereinkam, flossen Bäche von ihm, aber wir waren vergnügt und froh und er erzählte mir im Warten eine Geschichte von einem Weingärtner aus der Zeit, als die Franzosen im Land waren um den Anfang des Jahrhunderts. Der konnte bannen, das war eine schauerliche Kunst und er hatte sie von seinem Großvater ererbt. Und als er eines Tags in seinem Weinberg in der Neckarhalde schaffte, da kam ein Franzos’ das Tal heraufgeritten, der war ein Quartiermacher und wollte in die Stadt. Und der Weingärtner war ein großer, baumstarker Mann und konnte, sagte der Mattheiß, so mit den Augen funkeln, wenn er einen Zorn hatte, daß man Angst kriegen konnte. Als er den Reiter sah, zog er, ohne ein Wort zu sagen, seinen Lederjanker aus und legte ihn vor sich hin und begann mit dem Stiel seiner Weinbergshaue so stark drauf loszudreschen, als ob er ihn, sagte der Mattheiß, in Grundserdsboden hineinhauen wollte.
Da fing unten auf der Landstraße der Gaul des Franzosen an, gewaltige Sprünge zu machen, und der Franzos hüpfte auf dem Sattel herum und schrie um Hilfe und die Leute meinten, er sei toll geworden und ließen ihn schreien. Je ärger aber der Weingärtner auf den Janker losdrosch, desto jämmerlicher schrie der Franzos und als er in die Stadt hineinritt, da mußte ihn der Wirt zum wilden Mann vom Gaul heben und ins Bett spedieren, so zerschlagen war er und voll blauer Flecken und Beulen.
»Und,« schloß der Mattheiß, »als er wieder reiten konnte, da kehrte er seinen Gaul um und ritt das Neckartal hinunter; und von der Stadt wollte er nichts mehr wissen.«
Derweil hatte der Regen aufgehört; in der grauen Wolkenwand war ein Riß entstanden, daraus sah das Himmelsblau hervor und drunten in der Stadt fingen die Dächer an zu glänzen, weil ein blasser Sonnenstrahl über ihre nassen Giebel hinging. Das ist das letztemal, von dem ich mir denken kann, daß ich mit dem Mattheiß dort draußen zusammen war. Und es ist auch möglich, daß es überhaupt das letztemal war. Es kam der Winter, da sahen wir uns nie. Und es kam der Frühling, da war ich ein blasses Pflänzlein und lange krank. Ich weiß nicht mehr recht, was es war, ich weiß nur noch, daß ich in einem Gitterbett lag und allerhand Gesichter und Figuren aus den Tapetenmustern herausstudierte, und daß ich mich viele Tage und Stunden lang an den Bildern in »Arndts wahrem Christentum« vergnügte.
Und einmal kam ein Tag, da sonnte ich mich draußen in dem kleinen Mauergärtchen hinter dem Hause. Es war alles wieder neu und schön. Der Schnittlauch und der junge Salat waren so grün und die Blumen in der Rabatte so freudig. Im Nachbarhof watschelten junge Entlein um eine Entenmutter herum und patschten in einen Wassertümpel hinein. Die Geschwister spielten im Hof und mein großer Bruder saß im Kastanienbaum und las. Der Vater kam und strich mir mit seiner großen, guten Hand übers Haar, und ich duckte mich in sie hinein wie ein Vögelein ins Nest, und auf einmal spürte ich den feinen, starken Duft der Rebenblüte von der Kammerz her, die das Stück Stadtmauer bedeckte, das unsern Garten abschloß. Da fiel mir vieles ein, das ich den Winter über vergessen hatte, und auch der Mattheiß fiel mir ein und ich dachte, er werde nun auch im Weinberg sein und ich wolle ihn bald einmal besuchen.