Aber ehe ich dazu kam, hörte ich eines Nachmittags vom Fenster aus ein Gespräch an, das zwei Männer auf der Straße miteinander führten.
»Nein, nein, es hat ihm niemand etwas getan,« sagte der eine. »Es ist ein Herzschlag oder so etwas gewesen. Er ist der ganzen Länge nach in den Reben gelegen, mit dem Gesicht auf dem Boden.«
Und der andere sagte: »Es ist ihm gut gegangen, wär’ ein mancher froh, er käme so leicht weg von der Welt. Wenn ich denke, wie sich der alte Hammer plagen muß schon seit Jahren, er kriegt schier keine Luft mehr.«
»Ja, aber im Bett sterben wär doch besser,« sagte der erste. »Wenn ich denke, so auf dem Weinbergsboden,« – dann verhallten ihre Worte und ihre Schritte, und ich war in großer Not. Es war ja zwar nicht auszudenken, aber es konnte doch sein, daß sie den Mattheiß meinten, und dann war ein scharfer Riß in der sonnigen Frühlingswelt, von der ich eben erst wieder Besitz genommen hatte. Denn wie konnte das sein, daß ein Mensch auf einmal nicht mehr lebte, sondern mit dem Gesicht auf dem Weinbergsboden lag und nicht mehr aufstand? ein Mensch, den man kannte und der in den Reben schaffen mußte und dorthin gehörte und sonst nirgends? Das konnte nicht sein, sonst zerriß etwas. Und ich wollte schnell zur Mutter gehen, daß sie das Dunkle aus der Welt schaffe mit einem guten Wort. Aber ich fand sie nicht, sie machte einen Ausgang, das sagte die Magd Mine, die ich in der Küche antraf, und sie sagte auch noch, gleichgültig, unters Rübenputzen hinein: »Jetzt kannst du auch deinem alten Metzgerknecht zur Leich’ gehen. Den haben sie im Wengert gefunden, da ist er schon ganz steif gewesen.«
Ich wäre am liebsten aus der Küche geflohen, irgendwo hin, wo mich das alles, das Dunkle, nicht erreichen konnte. Aber ich mußte vorher noch etwas wissen und ich fragte ängstlich: »Ist er noch draußen? liegt er immer noch so da und hat das Gesicht auf dem Boden?«
Da lachte die Mine und sagte: »Du bist ein Dummes. Er liegt daheim in seiner Kammer, da haben sie ihn hingetragen. Das wär noch schöner, wenn man einen grad liegen ließe. Geh’ weg, ich muß dahin, an den Spülstein.« Und weil sie sah, daß ich ganz aus dem Gleis war, wollte sie mich noch ein wenig aufrichten und sagte: »Mach kein so Gesicht, fort müssen wir alle.«
Sie sah selber so breit und rot und gesund aus, und wenn sie lachte, zeigte sie zwei Reihen starker, gesunder Zähne. Das mit dem Fortmüssen, das war wohl nicht so bitter ernst bei ihr.
Da schlich ich mich die Treppe hinunter und zum Haus hinaus. Wenn mir jetzt die Mutter begegnet wäre.
Aber sie kam nicht. Mich zog etwas vorwärts, das wußte ich nicht zu benennen. Ich ging durch die Webergasse und über den Markt. Ich sah Fuhrwerke fahren und hörte einen Fuhrmann auf einem Rosenblatt eine lustige Melodie blasen; ein Spitzer stand hinten auf dem Wagen und bellte in die blaue Luft hinein. Kinder spielten im Kreise: »Mariechen saß auf einem Stein« und sie riefen mich an, ich sollte mittun. Aber wie konnte ich mittun? Die Obstliese saß da, breit und mächtig, wie sie immer war und hielt Kirschen feil, die waren noch selten und teuer, und strickte daneben an einem mächtigen Strumpf. Ein Ausrufer schellte etwas aus, da standen die Leute hin und horchten. Und ich stand vor der trübseligen Apothekergasse und wußte, daß ich da hineinmüsse und es graute mir doch davor.
Die Apotheke stand im hellen Sonnenlicht am Markt. Über ihrer Tür fraßen zwei Schlangen aus einer Schüssel, und die Schüssel glänzte und die Scheiben der Fenster glänzten, und es waren blühende Blumenstöcke an den Fenstern, und dort hinten in dem engen Gäßchen war der Tod.