Es war alles ganz still und leer dort drinnen. Die Häuser standen so hoch und standen eng beisammen und neigten sich nah zueinander. Das mußte alles so sein, es konnte nicht anders sein. Der Metzgerladen hatte ein vergittertes Fenster nach der Straße heraus und es hingen Würste dahinter und ein zerteiltes Schaf. Eine rostige Schelle war neben der Haustür angebracht, ich wußte, wie sie tat, schwach und heiser; aber es war natürlich, daß jetzt niemand daran zog und daß es ganz still war ringsherum. Die Haustür stand offen; man sah in einen langen, schmalen Öhrn hinein und ich trat ein und meine Kindertritte hallten in der Stille und ich mußte an allen Türen vorbei, ohne zu wissen, was dahinter liege, bis an die letzte linker Hand. Da stand ich still und mein Herz schlug laut und ich horchte, ob niemand komme, denn es war so einsam. Aber ich wußte, daß es so sein müsse. Es war ein breiter, eiserner Riegel vor der Tür; er war nur ein wenig vorgeschoben mit seiner Spitze. Ich zog ihn zurück und trat hinein. Es war eine enge Kammer, lang und schmal. Ein Fenster hatte sie, das ging nach dem Hof hinaus, es war mit einem alten, rissigen Vorhang verhüllt. Hinten in der Ecke stand das Bett. Das war auch verhüllt, das heißt, es lag etwas darauf, das war mit einem Leintuch zugedeckt.

Wenn jetzt die Mutter dagewesen wäre.

Aber sie war nicht und niemand war da.

Mir schlug das Herz noch lauter, als vorher.

Aber dann schlug ich doch das Leintuch zurück, ich mußte, es mochte sein, wie es wollte. Und da lag etwas, das war einmal der Mattheiß gewesen.

Eine lang ausgestreckte Gestalt, unglaublich lang und gerade, die Hände, die großen, breiten Hände lagen auf der Brust und waren gefaltet und sahen so seltsam blaß aus und so wuchtig schwer. Und das Gesicht, das war, als hätte ich es vor langer Zeit gut gekannt und es hätte damals mit mir geredet, aber nun sei es so fremd und fern geworden, daß es nicht zum Aussagen war. Die Augen waren geschlossen, aber der Mund war ein wenig geöffnet, und es war eigentlich, als ob er lächeln wolle, aber über etwas ganz feierliches, merkwürdiges. Nur über die Stirn lief ein bläulich gefärbter Riß, da war er wohl auf dem Weinbergsboden aufgeschlagen. Es war mir, als ob ich mich nicht rühren könne, jetzt nicht und nie mehr. Als ob ich immer dastehen und den fremden Mann ansehen müsse und irgendwo draußen, ganz fern, ging das Leben weiter, hier drinnen aber war es so atemlos still.

Da wagte ich es nach einer Weile und tippte mit dem Finger seine Hand an. Und es ging ein seltsam schauerlicher Strom von Eiseskälte durch mich hindurch, bis ganz innen hinein.

Da ergriff mich plötzlich und mit Gewalt das Grauen des Lebens vor dem Tode und ich entrann der Kammer und dem Haus und der düsteren Gasse und lief über den Marktplatz, auf dem das Gold der sinkenden Sonne lag, und weiter, und heim.

Von weitem sah ich den Vater unter der Haustür stehen. Er hatte die Hand schützend vor die Augen gelegt und sah nach irgend etwas aus, und ich drängte mich an ihn und barg mich in seiner lieben, lebendigen Nähe vor allem Grausen.

Aber es war nicht so schnell zu verscheuchen. Ich weiß noch, daß es Nacht war und daß ich im Bett lag und die Augen schloß, aber es drängte sich überall hinein.