Einmal, in einer schweren Krankheit, hatte er einen Traum davon gehabt, daß er mitten in einer großen, leuchtenden Flut schwimme, mit starken, vorwärtstreibenden Stößen auf ein unendlich strahlendes, leuchtendes Ziel zu. Das Ziel hatte er nicht erreicht und auch nicht deutlich gesehen, aber er hatte immer, durch die Jahre hindurch, so oft ihm der Traum einfiel, das atemraubend starke Gefühl wieder bekommen, das ihn damals erfüllt hatte: Unendlichkeit! Unendlichkeit! Er hätte es hundertmal vor sich hinsagen können, das eine Wort, und immer wieder hätte es ihn getragen wie damals, auf großen, leuchtenden Wogen in eine unnennbar große Weite.

Damals hatte er das Meer noch nicht gesehen, aber natürlich wurde von jetzt an der Trieb nur noch viel stärker, es zu sehen, denn sonst war ja nichts in seiner Umgebung, das auch nur von ferne an jenes uferlos Große herangereicht hätte. Nun war sein Wunsch erfüllt. Aber er war ja freilich anders erfüllt, als er sich gedacht hatte. Das geht meistens so. Er hatte auch jetzt gerade etwas anderes gewollt: in ein Amt eintreten, arbeiten, weiter studieren daneben, es gab noch so vieles, das man nicht wußte und doch wissen sollte. Er war Theologe und hatte das erste Examen hinter sich.

Da kam ein Halsleiden und da mußte er nach dem Süden. Das mußte er, denn sonst konnte seine Stimme ganz verloren gehen, und dann?

Und so stand er denn jetzt am Meer und sah darüber hinaus.

Aber es war doch ganz anders, als er es sich gedacht hatte.

Es lag vor ihm, wie etwas Riesiges, Unfaßbares, es war grau und groß und schwer. Unendlich, ja, das war es auch, es floß hinten mit dem Horizont zusammen, der war auch grau und groß. Unten Wellen und oben Wellen; aber es war eine andere Art von Unendlichkeit. Von weit, weit draußen herein kamen die Wellen, in langen Reihen, immer eine Reihe hinter der andern.

So kamen sie rastlos daher, unablässig, unablässig drängten sie ans Ufer, warfen sich mit ausgebreiteten Armen an die Felsen und rauschten laut auf. Es war, als ob sie erzählten, daß sie da draußen das nicht gefunden hätten, was sie suchten, und das konnte er begreifen, denn es ging ihm hier am Ufer ebenso. Aber dann mußten sie doch wieder hinaus und noch einmal suchen, und das verstand er wohl auch, denn auch er suchte fortwährend etwas, das er sich vom Meer versprochen hatte.

Es kam jemand die Stufen herunter, die in den Felsen gehauen waren, und stellte sich neben ihn auf die lange, schmale Klippe, die sich ins Meer hineinstreckte.

»So einsam?« fragte eine Stimme. Da sah er sich um.

Es war eine große, schlanke, vornehme Frau, die zu ihm gekommen war. Sie hatte ein gütiges, helles Gesicht mit etwas Leuchtendem darin und sie trug die Tracht der Johanniterinnen. Er hatte sie noch nie gesehen, denn er war erst gestern abend angekommen; aber er wußte, wer sie sei: Schwester Clementine, die Besitzerin der weißen Villa, in der er wohnte.