„Kennen Sie den Spessart?“ fragte ich.

„Le Spessart? was ist das?“

„Es ist ein großer Wald. Die Straßen steigen und fallen dort, als sei die Erde eine Riesenschaukel. So fliegen sie gegen Himmel und wieder hinab, und kaum haben sie eine Höhe erreicht, so sausen sie wieder nach unten. An der abgelegensten Stelle aber strebt der umwachsene Weg senkrecht dem Erdinnern zu wie auf der Flucht vor dem Tag. Und so ist es. Denn am Rande eines kleinen schwarzen Sees blüht hier ein altes Schlößchen, wie aus einem Märchen von Perrault. Die Schweden hatten es an dieser verborgenen Stelle nicht entdeckt, und so steht es noch in der Tiefe, wie es damals schon als ein altes Schlößchen stand. Gehen Sie hin. Finden Sie es. Und sagen Sie mir dann, ob es in Paris ein Stück Architektur von einer edleren und noch verfeinerteren Grazie gibt wie dieses Schlößchen, das einzige im ganzen Umkreis, das nicht zu einem Schutthaufen verheert wurde. Und dann sind auch noch in unsern Städten genug Straßen, Fassaden und Mauerschweifungen verschont geblieben, um zu bezeugen, wie identisch unsere Zivilisation gewesen ist. Es sind da Grabmäler und Brunnen, eine gewisse bemalte Madonna in Würzburg — o wie verschwistert war unsere Kunst! Nur war die unsere inniger und morbider noch, als wisse sie um ihr frühes Grab; ja in ihrer zarten, hellseherischen Lauterkeit lag wie ein Verzicht auf diese mitleidslose Welt, die jenem verfluchten Rechenfehler gemäß verfuhr, daß die Schönheit des eigenen Landes um so glücklicher erstrahlt, je gründlicher die des andern vernichtet liegt. Inmitten einer Zertrümmerung und einer Verarmung so groß, daß sie eine Verwilderung war, mußte unser verdrängter Formensinn im Reich des Unsichtbaren Elysäische Gefilde retten — und im Affekt packte und schüttelte ich seinen Arm. Furchtbar entstellt als ein geblendetes Volk aus unserem vollendeten Elend heraus bereicherten wir die Welt; ein tolles, göttliches Volk,“ rief ich aus, „solche Rache zu üben!“

„Sie vergessen!“ sagte er aufgebracht und machte sich los.

„O nein!“ rief ich inbrünstig in die Nacht hinaus; „ich wollte, das Maß unserer Großmut wäre voll.“

Aber da stand er schon auf dem andern Trottoir. „Eh bien non!“ rief er herüber. „Eh bien non! vous êtes par trop Allemande.“ Es war mein letzter Abend in Paris und man schrieb den 3. Januar 1913.

In England aber, besonders als ich von Irland zurückkam, fühlte ich mich noch viel stärker zu ähnlichen Redensarten hingerissen. Wie kalt, wie finster und wie grausam war seine Geschichte! Welche Summe der Verbrechen! Wie wenig Erbarmen!

„We do like her,“ sagten meine dortigen Freunde von mir. „But she really is too german.“

Aber es kam der Krieg. Und jene Tage kamen vormärzlichen Siegesrausches und der großen Verwandlung. Der kranke Sturmwind, von dem ich dir schon sagte, hatte überall die einen über die Grenze gejagt, die andern zusammengewirbelt und mich beiseite gefegt; denn ein Irrsinn des Nichtbegreifens war mir auf den Fersen und trieb mich aus den übervölkerten Städten ins Gebirge. Zu meinen Wahnideen gehörte dabei auch, daß ich glaubte, binnen wenig Tagen würden alle von, dem Taumel erwachen und der Krieg wieder rückgängig werden. Es war ja nicht anders möglich.

Als eines Tages die besonnten Felsen von der im Tale unten einherrauschenden Bahn so friedlich widerhallten, war ich meiner Sache gewiß: die Streitenden hatten sich geeinigt, in der Stadt wußte mans schon und es war alles vorbei. Zurück zu den Menschen! Was tat ich noch fern von ihnen? Und ich rannte den Berg hinab zur Station. Dort hatte der Zug sich gerade in Bewegung gesetzt. Aber ein Blick in die Zeitung genügte, um mich meiner unüberlegten Hoffnung wieder zu berauben, und wie ein verlaufenes Tier, das überall umkehrt, so suchte ich wieder meinen Ausgangspunkt, die verödeten und feierlichen Berge, das vielstimmige Flüßchen auf, an dessen Ufer der kiesige Grund so klar im Wasser schimmerte, wie Glück, wie Menschenglück. Aber laut aufschreiend sah ich Gurkhas an die Kehle eines Weißen gehetzt und feine Franzosenköpfe zerschmettert, und stieß wilde Rufe der Wut, der Schande und des Ekels aus. Und wohl durfte mich auch Ekel vor mir selbst überkommen, denn wie hatte ich dahingelebt? Mit welchen Illusionen denn? Wie der Idiot neben seiner Dorfgemeinde, so hatte ich mit meinen Illusionen neben der Wirklichkeit dahingelebt. Illusionen! Illusionen! Ich dachte an mein Gerede auf der Place de la Concorde. Weil wir so Namenloses erduldeten, hatte ich gesagt, und unsere Geschichte dabei die gutartigste sei, darum stünden wir so hoch.