Bei jeder Schroffheit aber, jeder Härte, jeder Unmenschlichkeit, welche der Krieg nun mit sich brachte, heulte die Welt auf, sowie sie von Deutschen begangen wurde, und verlor kein Wort über die Untaten der anderen. Über das, was in Ostpreußen zum Himmel schrie, war sie ganz still. Was an Deutschen verübt wurde, ahndete sie nicht. Sie waren vogelfrei. Was sie verübten, wurde mit flammendem Griffel vermerkt. Nicht aus Haß allein. Ich glaube das nicht. Es war auch ein Schmerzensgeheul der Enttäuschung und der Verwunderung, jenes Volk, das im höchsten Maße — wenn auch uneingestandenerweise — das Vertrauen der Menschheit besaß, — so vornean in allem, was zu ihrer Entsühnung und Erleuchtung führte — nun auch kopfüber in so vergangene Abgründe stürzen zu sehen, das Volk der Jakobsleiter in die Arena, deren Tore man schon verschüttet glaubte, zurücktreten zu sehen, Teilhaber zu sehen der entsetzlichen Blutschuld. —
Denn wehe! es stand geschrieben, daß Europas künftiger Torwart diese Erfahrung machen würde, ehe es ganz zu sich selber gelangte. Nirgends wird ja die Sturzwelle so reißend zurückschlagen, ein so tiefer Abscheu gegen das Kriegerische einsetzen, als wie in dem geographisch eingepferchten, durch trübe Erfahrungen gewitzigten, allzu gewitzigten Deutschland, das die Gefahren des Besiegten wie die des Schlachtengewinners im Laufe der Jahrhunderte so bis ins letzte erlebte.
Denn der so empörende Gedanke ist es gewesen, daß es wie eine niedrige Beute dem Osten ausgeliefert werden sollte, dieser Plan, diese Parole ist es gewesen, welche die Masse zu einem Kampf elektrisierte, den sie nicht nur als einen Verteidigungskampf, sondern einen Verzweiflungskampf auf sich nahm.
Dies ist die Wahrheit. Für das Volk ist es die ganze Wahrheit gewesen. Mit keinem anderen Glauben als diesem erhob es sich, den Untergang im Auge, wider eine Welt.
Auf diesem Höhepunkt seines Seins aber warfen sich ihm da die inneren Feinde in den Weg und rissen es von seinem Sockel. Mit der Maske des Luzifers traten sie statt seiner vor, Drachenzähne zu säen und es zu verleumden. Und während es — auf Rettung bedacht — sein Blut nach allen Himmelsrichtungen verströmt, lassen diese inneren Feinde (die einzig Unabkömmlichen) nicht ab, von Zerschmettern, Enteignen und Vernichten zu reden. In der Not, welche die Männer an der Front zusammenschweißte, hat sich, wie Funken aus einem Feuerstein, ein vielfach unvergleichlich hohes Niveau gerade der „niederen“ Leute ergeben. Aber nie hat ein Volk so tragisch im Schatten gekämpft.
Dreizehnter Brief
Ich kann dir nur mehr stoßweise einiges sagen.
Es heißt, daß ich die Dinge viel zu tragisch nehme, und es ist wahr, daß ich dazu neige. Von jeher und instinktiv habe ich mich jenen verpflichtet gefühlt, welche durch Spott, Ulk und Gelächter oder auch nur durch einen leichten Ton die latente Maßlosigkeit in mir korrigierten. Nur hat sich leider Gottes herausgestellt, daß wir im Gegenteil die Dinge viel zu leicht, nicht daß wir sie zu tragisch nahmen. Wer hätte sich über die Presse zu sehr alterieren können? „bringt sie Lügen über Greuel, so werden Greuel daraus“, soll man über diese Tatsache hinweg kommen? über die Gedankenlosigkeit der Menschen, sich keine Gedanken zu machen? ist das die höhere Weisheit, ja? es gibt verschiedene Nationen, aber nur eine Presse[5], schreibt Kraus. Aber in der Presse wie überall gibt es anständige Menschen, habe ich gesagt. Nach einer Sezession der Presse habe ich in Dresden gerufen. War das so töricht? — Dabei ist sie in Wirklichkeit längst vorhanden. Es gibt in jeder großen Stadt Deutschlands eine Zeitung oder eine Zeitschrift, welche durch all diese trostlosen Monate hindurch Maß, Humanität und Anständigkeit der Gesinnung bewahrte und ihre Büros jeder Art von Niedertracht hartnäckig geschlossen hielt. Die Macht freilich kristallisierte sich um diese Blätter noch nicht zur Genüge.
Vergangenen Sommer wurde hier der „Parsifal“ sehr oft, immer bei dichtbesetztem Hause, aufgeführt. Aber mein Gott, wie schien er mir doch von uns abgerückt, die Wellen weit hinabgeflossen, und am Rand des Horizonts verblaut. Als im ersten Akt der tote Schwan regiegemäß auf einer Bahre sänftiglich hereingetragen wurde, und Gurnemans mit gewaltigem Pathos von Parsifals mutwilliger Leistung als von einer ungeheuren Tat zu singen anfing, sah ich mich unwillkürlich um. Aber es lachte niemand. Viel eher schien das Publikum der Rührung nahe und sich des kaputten Vogels zu erbarmen . . . .