Ich weiß nicht, warum mir vorhin bei dem erschossenen Schwan, über den niemand lachte, der Tiergarten und seine Monumente einfiel, über welche niemand weint. Daß die Berliner sich achselzuckend und mit ein paar Witzen darüber hinwegsetzten, war doch unbedacht. Es hat sich dort meines Wissens kein Komitee gebildet, um zu fordern, daß ein hohes Gitter die Siegesallee mit allem, was sie Tag und Nacht vor aller Welt ausbreitet, umziehe, und ihre Besichtigung keinem Zugereisten gestattet werde. Haben die Alldeutschen sich denn noch nie Gedanken über den Desaster dieser Trophäen gemacht?
Ich bin zu Ende. Der Rest ist Klage. Seelenkonflikte des einzelnen aber, weiß man noch, was das ist? Selbst vor dir würde ich meine Zerrissenheit nicht ausgetragen haben, fiele sie nicht ganz mit dem Elementarsten zusammen: denn Blut ist alles, was in ihm webt, ist nicht des Staubes. Darum wird seine Stimme von keiner Brandung übertönt. Von Staatsangehörigkeit weiß das Unsterbliche nichts. —
Nie hatte ich mich so wenig mit den Franzosen befaßt wie in den letzten Jahren. Mein Umgang mit ihnen war durch ihren Deutschenhaß getrübt, und vollends ihre Zeitungen zu verfolgen besaß ich nicht mehr den Mut. Wozu, dachte ich, sich ewig den Verdruß antun? Alles Vernünftige, hier wie drüben, scheiterte ja doch, wenn nicht böswillig ihrerseits, so doch ganz gewiß plumperdings bei uns. Glücklicherweise, — so dachte ich auch — wird ja nichts so heiß gegessen, wie gekocht, und damit betäubte ich meine Angst, und lebte so dahin. Als ich aber im Frühling vor dem Krieg London verließ, fuhr ich nicht über Paris, nicht einmal das, obwohl es mir von seinem linken Ufer aus betrachtet gerade das letzte Mal im höchsten Grade merkwürdig erschien. Die meisten Deutschen sind ja, was die Franzosen anbelangt, von einer Oberflächlichkeit, die sonst gar nicht in ihrem Charakter liegt; dafür wird im gegebenen Fall die Oberflächlichkeit mit entsprechender Gründlichkeit betrieben, und für die meisten Deutschen resümiert sich Paris als eine Art von Monte Carlo in Restaurants, Vergnügungsanstalten und Kokotten. Die „Femme honnête“ zum Beispiel, dieser in der Heimat der Jeanne d’Arc so entzückend ausgeprägte und so intelligente Typ, blieb in Deutschland ebenso unbeachtet wie die lautlos fast verzehrende Geistigkeit, der fast puritanische Ernst und Eifer der Jeune École; vor lauter Moulins und Folies übersah man die Sorbonne und spürte nicht die immer schärfer werdende Höhenluft in der Gegend des Panthéons und merkte nicht, daß es mit Paris kein Fertigwerden gibt, denn es ist unerschöpflich, und für jede Morschheit, die ihm widerfährt, hält es sich durch neue Triebe, blütenbeladene neue Äste schadlos. Aber so teuer die silberne und immergrüne Stadt mir blieb, so hatte ich dennoch angefangen, sie zu meiden, denn vorwiegend war ich deutsch, und es erbitterte mich, sogar die Schulbücher mit Verleumdungen angefüllt zu finden, und daß man sogar die Kinder in Haß und Lüge unterwies. Und ich wurde den Grimm nicht los, den Geist und die Sprache meines Vaterlandes stetig zurückgedrängt und an Boden verlieren zu sehen. Denn für den deutschen Himmel, ja für ihn ambitionierte ich die ganze Erde: die ganze Erde sollte er decken, denn wessen Auge über ihn hinschweifte, wie möchte der ohne ihn leben? Die Welt schien mir beraubt, wo sie nichts von ihm wußte, und gemein, wo sie seiner entriet.
Aber dann kam dieser Krieg, und inmitten des Hasses, der ringsum wie eine kalte Sintflut stieg, und der Wälle, mit denen sich plötzlich die Menschen gegen ihr früheres Denken, Fühlen und Erinnern verschanzten, stürzten mir alle Schranken zusammen. Welchen Halt konnte da gewesene Kritik oder Verdrossenheit noch bieten? Wie Strohhalme war das alles von einem Strom der Liebe, der Zugehörigkeit, des Eingedenkens überrauscht. Die Franzosen waren jetzt nicht minder meine Brüder als die Deutschen, denn sie waren mir nicht minder anverwandt, daß ich sie widereinander heilig hielt, war meine Not, aber meine Heimat lag jetzt zwischen ihnen! Mochte man in Polen immerzu vordringen und als Sühne für Ostpreußen von Rußland an sich reißen so viel man wollte; gerne![6] Aber je tiefer nach Frankreich hinein der Boden von den Schritten der als Feinde vordringenden Deutschen erdröhnte, je fremder, je verbannter fing ich an mich unter ihnen zu fühlen. Und wer vor mir die Franzosen schmähte, dem fuhr ich ins Gesicht, eh ich es wußte; so ganz entglitt ich mir! Wie der Zündstoff, der an die Flamme gerät. Nicht er ist in Frage. Oder wer geböte dem Sturm? daß nicht ich es war, gab die Berechtigung. Der Anprall wars, mit nichten, daß er mich zermalmte. Gesetzt ein Krieg zwischen Christen und Juden wäre entbrannt, und ich eine halbe Jüdin, so würde ich ohne weiteres als eine solche gelten — und es würde niemand von mir verlangen, daß ich mich für eine Vernichtung der Israeliten begeistere. Was aber einer halben Jüdin recht wäre, ist einer halben Französin — so dächte ich — zum mindesten billig. So dächte ich. Daher der Titel dieses Buches. Mein Blut hat die Fanfare nur zu wohl vernommen. Ich preise die andern glücklich, aber ich beneide sie nicht; sie dürfen unterscheiden zwischen Freund und Feind; ich aber darf nicht betäuben und nicht abirren von einer Qual, die vor Gott selbst ein solcher Jammer ist.
Wenn auch kein einziger mir seine Zustimmung gäbe, es beirrte mich nicht; so stark ist der Ruf. Und dann ist ja der heutige Tag nicht so geartet, daß ich ihn zum Richter über mich erhebe. Falls diese Briefe mich überleben, wird man sie nicht wegen ihres Titels verhöhnen. Nur indem ich heute in Deutschland auch die französische Fahne hochhielt, gab ich außerdem die Gewähr, wie unverbrüchlich treu ich heute in Frankreich zu der deutschen stünde.
Denn an zwei Fahnen hat dieser entsetzliche Krieg mich vereidet. Zwei Fahnen, schwesterlich umflort, halten meine Hände umklammert. Ich wärs zufrieden, trüge man sie beide — wo immer ich sterben mag — meinem Sarge voran; auch die Tricolore! so heißgeliebt! —
Und du mein Deutschtum! Angebetetes! Und wolkenumhüllt — als hätte es die Gottheit unseren eigenen Blicken entrückt, unversöhnt, wie einst, da sich der Tag der Griechen nicht erfüllte, eh nicht Orest und mit ihm Pylades, der Gleichwertige, und gleich Gefährdete — eines des andern Retter — an die finsteren Ufer hinverschlagen — gemeinsam die Schwelle des Tempels überschritten, in welchem die freudelose Iphigenie das Bild der einheimischen Göttin in der Verbannung hegte.
Nicht eher, nicht anders wird sich der Tag erfüllen.