„Der Kaiser ist in Fontainebleau.
[6] Es ist ja so groß!
Anhang
Die Internationale Rundschau und der Krieg.
Ein unpolitischer Vortrag
gesprochen zu Dresden am 15. Januar 1915.
Am 18. Dezember vorigen Jahres traten in München unter dem Vorsitz Ludo Hartmanns eine Anzahl Wiener Professoren zusammen mit ihren Münchener Kollegen, Rechtsanwälten und Vertretern der Presse. Die Einladung zu dieser Sitzung bestand in einem Aufruf folgenden Inhalts:
„Neben dem Weltkriege mit eisernen Waffen wird ein zweiter Feldzug mit vergifteten Waffen geführt, ein Verleumdungsfeldzug, in dem jedem Volke die unglaublichsten Schändlichkeiten, Hinterhältlichkeiten und Gemeinheiten vorgeworfen werden, und dieser zweite Feldzug, den giftige Federn vom sichern Schreibtisch aus führen, ist fast noch gefährlicher als der andere. Das Ziel des Krieges ist der Friede — das Ziel dieses zweiten Feldzuges jedoch ist der unauslöschliche Haß, der auch nach formellem Frieden jede Versöhnung ausschließt.
Darf die menschliche Ehre ein Angriffsobjekt im Kriege sein, dürfen Schauermärchen hüben und drüben die Bestie im Menschen erwecken, so daß der Glaube an die Menschheit versinkt? Diese ganze Verleumdungsaktion hat geringen unmittelbaren Einfluß auf Sieg oder Niederlage; auf die eigentlichen Kämpfer wirkt sie nur insofern, als sie zu unnötigen Grausamkeiten den Vorwand der Vergeltung bietet; sie ist auch kaum auf die Kämpfenden, weit mehr auf die Zuschauer berechnet, und Zuschauer ist hier nicht nur die zivilisierte, sondern auch die unzivilisierte Menschheit.
Bisher war der beste Schutzwall der weißen Rasse deren sittliche Überlegenheit; die Verleumdung zerstört diesen Nimbus, und rascher als durch kriegerische Selbstzerfleischung sinkt Europa von seiner Höhe herab, wenn die übrige Welt hört und glaubt, welcher Schandtaten Europäer fähig sind.
Kulturnationen! Es ist eine Pflicht gegen uns selbst, diesem selbstmörderischen Treiben ein Ende zu machen und ehrlich zu prüfen, was Lüge, was Wahrheit ist. Sollten sich unter den neutralen, sowie unter den kämpfenden Völkern nicht genug Männer finden, die so hoch über den Sumpf hinausragen, daß sie den Verleumdern, gleichgültig ob Freund oder Feind, die Wahrheit entgegenzuhalten wagen? Es wäre betrübend, wenn sie nicht vorhanden wären oder sich feige verkröchen. An diese Männer ergeht die Aufforderung, auf streng neutralem Boden sich zu finden und durch ein absolut unabhängiges, objektives Organ den Glauben an die Menschheit wieder aufzurichten.
Indem wir der Wahrheit dienen, wollen wir durch Versöhnlichkeit den Frieden vorbereiten, gleichgültig, wann und unter welchen Voraussetzungen er kommen wird — und wir wollen verhindern, daß überflüssigerweise jene Fäden zerrissen werden, welche die kultivierte Menschheit zusammenhalten.