Sowohl in der deutschen, wie in der französischen Schweiz fand sich der Herausgeber für die Zeitschrift; es wurden die finanziellen Mittel aufgeboten, sie ins Leben zu rufen, und es kam dann noch zu jener Sitzung, die ich zu Anfang erwähnte.

Es war eine Einladung an mich ergangen, derselben beizuwohnen, und ich muß Ihnen gestehen, von der absoluten Notwendigkeit des Unternehmens, von der sich die verantwortlichen Leiter nur widerstrebend und nach langem Erwägen aller Für und Wider überzeugten, war ich gleich so durchdrungen, daß ich mich bei den sachlichen Bedenken keinen Augenblick aufhielt, vielmehr die eigene Unsachlichkeit so weit trieb, daß ich mich sofort verbürgte, zehntausend Franken für die Förderung einer so verdienstvollen Sache aufzubringen. Ein Mann hätte sich zuvor besonnen, ob er denn Aussichten hätte, die Summe zusammenzubringen. Aber so sind die Frauen. Ich muß jetzt sehen, wie ich sie auftreibe. Aber was geht mich diese Sache an, werden Sie vielleicht fragen. Warum mische ich mich da hinein? Nun, ich kann Ihnen beweisen, daß ich nur recht tue, wenn ich seit jenem Tage nichts anderes mehr im Sinn habe als die Propaganda dieses so problematischen Unternehmens. Und wenn ich nicht davor zurückschreckte, in die Öffentlichkeit zu treten, vor der ich zum ersten Male spreche, so geschieht es, weil auch ich es vor meinem Gewissen nicht verantworten könnte, wenn ich auch nur eine einzige Möglichkeit unbenützt ließe, in diesem Sinne wirksam zu sein.

Warum ich diese Propaganda nicht lieber Geschulteren und Redegewandteren überlasse? Weil es niemanden geben kann, dem das Ziel solcher Bestrebungen mehr am Herzen läge, und weil es so eng mit dem zusammenhängt, was ich fühle, daß ich sogar eine Entschuldigung für die voreiligen Versprechungen habe, zu denen ich mich hinreißen ließ.

Sie, verehrte Anwesende, haben gewiß schon viele Dinge gedacht! Ich aber immer nur eins. Aber dieses Eine hat durch die Ereignisse eine solche Stärkung erfahren, daß ich alle persönlichen Rücksichten aufgeben und es verfechten muß. Und was kommt schließlich auf den einzelnen an? Kann sich doch der Schalste und Eingebildetste von uns nicht mehr wichtig nehmen. Daß er ganz und gar nur auf Ersatz da ist, wußte jeder nie so gut. Aber gerade deshalb ist noch nie die Forderung so streng an ihn ergangen, sich auf sich selbst zu besinnen. Denn wir sind nicht mehr die Zeitgenossen des vergangenen Sommers, die noch leichtsinnig und glücklich waren, und die noch Illusionen hatten; die Leute der achtziger oder neunziger Jahre oder der Jahrhundertwende; wir sind heute die Überlebenden, wir sind alt! Mag für die Amerikaner das Sterben noch ein Unfug sein, wir Europäer sind so von ihm eingeschlossen, daß es längst von unserem Bewußtsein Besitz ergriffen hat. Erinnern Sie sich noch des Widerhalles, den die Katastrophe der „Titanic“ in uns allen weckte? Damals stand der Tod noch außerhalb. Heute haben wir uns an ihn gewöhnt. Verluste, die sich auf Hunderttausende beziffern, werden fast ohne Kommentar verzeichnet, und unser Leben ist es, das außer Kurs geraten scheint. Unsere Zeit aber ist dafür um so kostbarer geworden. Es ist die Zeit der Rechenschaft, in der auch Gedanken nicht mehr zollfrei sind. Man hat nicht mehr die Wahl, sie zu unterdrücken, etwa weil sie zu harte Anforderungen an uns stellen oder aus Entmutigung.

Ihnen steht es frei, alle internationalen Bemühungen im Augenblick für unstatthaft zu halten, mir nicht. Ihrem Empfinden dürfen sie fremd bleiben. Dem meinen nicht. Sie dürfen sogar meinen, daß eine Berührung zwischen den geistigen Führern der feindlichen Nationen auf dem Boden einer internationalen Zeitschrift überflüssig, daß er sogar schädlich sei. Ich darf nicht so denken.

„Es hat sich in diesem Kriege gezeigt,“ schrieb mir kürzlich jemand, der seine Ablehnung gegenüber den Bestrebungen, die ich vertrete, begründen wollte, „es hat sich bei allen Nationen gezeigt, daß die Liebe zum Vaterlande die größte und heiligste Empfindung ist, eine stärkere als die Liebe zu Frau und Kind, stärker als Liebe und Glaube an die Menschheit; sie fühlt sich eins mit der Liebe zu Gott, sie ist Religion geworden. Für eine andere Empfindung können das deutsche Volk und seine geistigen Führer heute keinen Sinn haben. Solange Deutschland um sein Leben kämpft, hat es kein Bedürfnis nach geistigen Berührungspunkten mit den feindlichen Nationen. Primum vivere, deinde philosophari.“

Ich weiß solche Anschauungen zu würdigen, wenn ich auch nicht in der Lage bin, sie zu teilen; wenn ich mich auch nicht darüber hinwegtäuschen darf, daß ich heute abseits stehe, vom engeren Ringe einer Gemeinschaft mit Ihnen ausgeschlossen, des intimeren Heimatrechtes beraubt. Wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie darum beneide! Ihre Gedanken sind ausschließlich auf Ihre Männer, Ihre Söhne, Ihre Brüder gestellt, und es wäre ein Frevel, das Ziel Ihrer Sorgen weiter hinauszustecken. Es gibt kein besseres in der Welt! Nach wie vor sind es die Mannen des Hagen, die es in Ewigkeit nicht anders wissen werden, als in der Stunde der Not ihr friedliches Tagewerk zu lassen und hinzustürmen, wohin die Gefahr sie ruft; ohne Neugierde, zu wenig neugierig fast. Es ist ihnen genug, die Tore des Reichs bedroht zu wissen. Die Wächter des Rheins werden noch als die Wächter Europas aufstehen, wenn erst die gemeinsame Not es zusammenschloß. Dann werden diese heute noch Unausgeglichenen in der Mittagstunde ihrer Reife stehen, uns aber, wer sagt uns, daß wir es noch erleben werden, sie nicht mehr gehaßt zu sehen? Indessen scheint man es bis auf weiteres auch mit diesem Haß aufnehmen zu wollen. Nur ich kann mich nicht darein finden! Denn als Halbromane hege ich für das Deutschtum eine Liebe, die nicht wie die Ihrige auf reiner Zugehörigkeit beruht, unvermischt und fraglos mit ihrem Gegenstand identisch ist. So liebt man seine Nächststehenden, den Mann, oder die Frau, mit einem von Eifersucht und Verliebtheit vielleicht nicht freien, zugleich aber viel deutlicheren Gefühl, als sich selbst. Und wer dürfte behaupten, daß man sie deshalb weniger liebt?

Infolge einer solchen Abgerücktheit nun trug ich im Ausland nichts von der manchmal zu großen Bescheidenheit meiner Landsleute zur Schau, sondern berief mich auf mein Deutschtum mit einem fast prahlerischen Enthusiasmus. Auch dies Bewußtsein gibt mir den Mut, Ihnen zu sagen, daß ich nicht in der Lage bin, dieselben Dinge zu denken und zu empfinden wie Sie. Aber welchen Sinn hätte es dann, daß ich hier stehe? Ist nicht der einzig mögliche Zweck meiner Worte der, daß ich etwas anderes zu sagen habe? Zwar wurde mir seit Anfang des Krieges des öfteren nahegelegt, ich sollte mich bis auf weiteres ganz abstrakten, den gegenwärtigen Ereignissen möglichst fernen Dingen zuwenden. Aber wer von uns könnte das? Zu anderen Zeiten, in anderen Kriegen wohl. Aber heute ist es ein unmögliches Ansinnen geworden. Keiner kann sich abseits halten; selbst die Friedfertigsten und Zurückgezogensten von uns haben so wenig die Wahl, etwas anderes als Streitende zu sein, als die jungen Philologen, die jungen Privatdozenten und Musiker, die Liebhaber der Künste und Wissenschaften, die Träumer, die Verliebten, die auch mit der Waffe in der Hand nichts anderes mehr im Sinne haben als die Ehre und Existenz ihres Landes. Geben wir uns keinen Illusionen hin. Es ist der Krieg gekommen, der keine innere Flucht zuläßt. Er ist jedermanns Sache, ja, mehr noch: Jeder muß heran. Denn noch ein anderes Ringen spielt sich ab. Ich sehe ein geistiges Schlachtfeld. Auch dort ist das Getümmel und die Not. Es sind die beiderseitigen Verschanzungen, das Sich-in-Schach-halten; die erbitterte Defensive. Und es ist ein Kampf, der sich ins Endlose auszudehnen droht, der unrühmlich und unblutig im Dunkeln vor sich geht und gleicherweise der Kundschafter, wie der notwendigen Vorposten entbehrt.

Und hier nun behaupte ich, weil ich es beweisen kann, daß ich zu den paar Leuten gehöre, welche Patrouillendienste verrichten und inmitten des Wirrsals als Aufklärer taugen könnten. Ich meine uns, die Halbgermanen Frankreichs, die Halbromanen Deutschlands — eine Zahl, so gering, daß es sich lohnt, uns anzuhören, bevor wir ganz aus der Welt verschwunden sind. Denn wir stehen mitten auf einem Laufbrett über dem Graben, der sich seit vierundvierzig Jahren so sehr erweitert hat, daß wir allein, von unseren weit hinausgestellten Posten aus, zwei Lager übersehen können, die sich gänzlich aus den Augen verloren haben. Unsere Einsamkeit ist dort eine so verzweifelte geworden, daß ich mich sogar an Ihr Mitgefühl wenden würde, wären die Zeiten minder hart. So aber rufe ich nur Ihren Gerechtigkeitssinn an, und auch das nur, weil unser verschwindendes Häuflein allen Ernstes Ihre Aufmerksamkeit verdient; weil wir naturgemäß Dinge überschauen, die Sie nicht sehen können.

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