Durch jenes stete Abrücken zwischen den beiden Völkern sind die Rassengegensätze, die wir in uns vereinigen, so erstarkt, daß sie selbst in Friedenszeiten eine Tragik für sich bedeuteten. Heute nun, wo vor dem vergossenen Blut das Blut lauter in uns spricht als je zuvor, heute wird von dem Halbgermanen Frankreichs — reden wir von ihm — heute wird von ihm verlangt, daß er sich jeder Sympathie für uns entäußere. Seiner inneren Zerrissenheit darf keinen Augenblick Rechnung getragen werden. Ihr widerfährt keine Schonung. Es wird von ihm verlangt, daß er sich seines besseren Wissens um uns begebe und sich als loyaler Staatsbürger für unsere Vernichtung begeistere. Und er wird sich Gewalt antun, dem Gebote Folge zu leisten. Aber wenn er kein Knecht ist, wird er in dem verzweifelten Kampf, den er äußerlich bestehen wird, vor sich selber unterliegen . . . Das Blut seiner Väter wird in einen solchen Tumult geraten und sich zu solcher Brandung erheben, daß die paar Bretter seiner äußeren Zuständigkeit daran zerschellen. Die Bedrängnis ist überall zu ungeheuer! Die Bereitheit zu sterben ist überall zu groß! Aus ihr steigen die Genien der Nationen, die heute wie in der Ilias die Heere widereinander schirmen — mit Begeisterung und List! — Ihr doppeltes Walten aber findet nur in seinem Inneren einen Widerhall: die ihm als Brüder zugewiesenen Franzosen erkennt er dort als seine Halbbrüder wieder, und Sie wissen nicht, ich aber weiß, mit welcher Spannung, welchem Entsetzen er, der vielleicht im Felde steht, seines inneren Jubels inne ward, als er auf dieser bedrängten, ihm so teuren französischen Erde, die er doch mit allem Ingrimm des Patrioten wider die verhaßte Invasion verteidigt, die Kunde vernahm, daß ein aus allen Adern blutendes Volk heroischer als einst die Griechen für sich und für Europa die Befreiung erkämpfte, indem es die unerhörte Übermacht Rußlands zurückwarf. Ein höherer Genius als der des Krieges hat es gewollt, daß da bis tief ins Abendland hinein die Glocken läuteten. Er aber, von dem ich hier rede und der so unvergolten an uns leidet, er wird den Aufruhr seines Innern, der doch in Wahrheit seine Treue ist, verbergen und eine Maske tragen müssen wie ein Verräter. So mag er an der Spitze eines Sturmangriffs wider uns fallen, aber fragt mich nicht, mit welchem Herzen.

Sie werden nicht beanstanden, nicht wahr, Sie begreifen vielmehr, daß sein besseres Wissen um uns so tief in ihm gründet. Aber keiner von Ihnen hat noch seiner gedacht. Nur wir, die paar romanischen Deutschen, die es zur Zeit noch gibt, wissen genau, was uneingestanden in ihm vorgeht. Denn er ist unser engerer Landsmann, und wir fühlen wie er. Für uns spreche ich heute, denn wir leiden am meisten. Für alle anderen ist sie groß, diese Zeit, nur wir begreifen sie nicht; nur wir sind überall die Verbannten und die Außenstehenden. Glauben Sie ja nicht, daß der französische Germane kein guter Franzose sei. Sein bedrohtes Land ist es ihm tausendfach wert, daß er sich dafür opfere. Und glauben Sie nicht, daß ich weniger deutsch fühle als Sie. Infolge meiner teilweisen Abgerücktheit liebe ich Deutschland eifersüchtigeren und geschärften Sinnes vielleicht, als Sie sich selber lieben können. Nicht um ein Minus handelt es sich bei uns, sondern in den Zusätzen liegen unsere Konflikte. Wir sind heute die anderen: Halbdeutsche oder Halbfranzosen, wie Sie wollen, aber keine Deutschen wie Sie, keine Franzosen wie die drüben; von einer doppelten Liebe beseelt, jeder nur durch ihren Hader von den Seinen geschieden. Unsere Sonderstellung in der Welt ist es, für die ich eintrete, denn unser ist ein zu edles Erbteil, als daß wir es preisgäben! Zwar sind wir die zur Unzeit Geborenen; wir haben eine Mission und schleichen den Häusern entlang; wir haben eine kostbare doppelte Mitgift, und wir sind die Kreditlosen und die Enterbten, und wir sahen in ein gelobtes Land, nur, um es doppelt zu verlieren. Wir, die selbst die Versöhnung entgegengesetzter Elemente darstellen, wir sind heute selber der Krieg, und in uns selbst wütet der Kampf um die entrissenen und wieder gehißten Fahnen. Wir haben nichts gemein mit den Flaumachern, den Alarmisten und Schwarzsehern, noch mit den Neutralen und ihrer, neben der unseren gehalten, so spielerischen Parteinahme, ihrem kalten, unbeteiligten Eifer. Aber es wäre nicht der Mühe wert, von uns zu reden, wenn wir nicht auch die Unbeeinflußbaren wären, die nichts auf der Welt von ihrer schmalen Bahn hinunterstößt, und wenn wir nicht ein Recht auf unsere Zerrissenheit und unser inneres Gesetz besäßen. Von der Natur auf unsere heute verlorenen Posten hinausgewiesen, sind uns dort Dinge übersichtlich, ich sagte es schon, die sich Ihren Blicken entziehen. Es ist keine Besserwisserei bei uns im Spiel. Der Weise aus der Ebene wird sich nichts vergeben, wenn er den Toren fragt, was er von seiner Anhöhe aus sieht . . .

Aber ich mache Sie nur ungeduldig, indem ich praktische Dinge verspreche, die für jeden gelten sollen, und fortfahre, einen persönlichen Zufall zu erörtern, wie dies Halbgermanentum inmitten äußerster nationaler Gegensätze.

Es ist aber ein Zufall, der mir das Recht innerer Erfahrungen gibt, die im einzelnen zu zerlegen nicht der Moment sein mag, die mir aber den unerschütterlichen Glauben geben, daß das letzte Urteil über Gemeinsamkeit oder Feindschaft zwischen den Nationen nicht aus dem gegenwärtigen Krieg erwachsen darf. Und es ist nachgerade, als ob hierüber nichtdie Waffen, sondern die täglichen Stimmerheber zu entscheiden hätten, die aus dem ewigen Unwert der menschlichen Gesellschaft Folgerungen auf ihre Werte ziehen und ihre Einheit zerstören. Niemand gerät in Friedenszeiten auf den Gedanken, die Verbrecherstatistiken anzurufen, um den Geist einer Nation zu beschreiben. Heute sollen nun mit einem Male solche Verwechslungen richtig, erlaubt, erwünscht sein! Wir müssen das Bleibende im Charakter einer Nation vor so niedrigen Urteilen verteidigen. Und hier muß auch gegen gewisse Ausartungen Protest erhoben werden.

Daß zu Anfang des Krieges Selbstzufriedenheit und ein gewisses Selbstlob überall herrschten, war wohl unerläßlich. Aber inzwischen hat sich die Luft Europas durch dies Verfahren bedeutend verschlechtert. Man redet voneinander, als gedächte man nie wieder miteinander auszukommen, und dies ist nicht die Lehre, die wir aus der furchtbaren Prüfung dieses Krieges ziehen sollen, noch liegt hierin Pietät für die Gefallenen. Wenn diese Lebensfrohen sich alle so willig opferten, so geschah es, um einen Streit auszutragen, der sich auf keine andere Schlichtung mehr besann. Umsonst wären sie erschlagen, die nichts mehr wissen von unserem Hader und gemeinsam das Schattenreich bevölkern, wenn sie den Haß nur besiegelten. Wie anders ist die Haltung der Offiziere, die aus dem Felde zurückkehren! Nichts ist ihnen peinlicher als der Gedanke, man könnte annehmen, sie hätten keine ehrenhaften Feinde! Und der Takt so manches Pfahlbürgers hat schon durch eifriges Forschen nach den Ungesetzlichkeiten und Greueltaten der Gegner peinlichen Schiffbruch erlitten.

Wenn wir es billigen, daß Lüge und Hetzerei verbreitet werden, obwohl wir sie durchschauen, so ist es, weil wir meinen, es sei gut, des anderen wegen. Aber wir sind im Irrtum, wenn wir glauben, daß diese Methode eine ungefährliche sei, und wir vergessen dabei, daß wir für die Jugend verantwortlich sind, die dies alles nicht für eine fromme Lüge hält.

Hören Sie, was jener Gegner einer Internationalen Rundschau mir noch geschrieben hat:

„Nur der Friede,“ schrieb er, „kann der Boden für einen erneuten Kontakt zwischen den Völkern sein. Glauben Sie mir, er ist dann im Augenblick wiederhergestellt und es geht an geistigen Gütern keiner Nation etwas verloren. Im Gegenteil, der Krieg und der Frieden wird allen Nationen eine geistige Wiedergeburt bringen und einen geistigen Kontakt auf einer höheren Grundlage.“

Ich muß sagen, daß mir für mein Teil noch keine größere Utopie begegnet ist. Viel eher könnte es sein, daß dann diese Grundlage, wenn wir sie nicht zum Gegenstand unserer Sorge machen, verschwunden wäre. Wahrscheinlicher ist, daß die einst so vertrauten Wege sich als zu weithin, zu tief verwüstet erweisen, als daß sie wieder begangen werden könnten. Viel eher könnte es sein, daß an Stelle ihrer verwehten Spuren der Turm Babel der Verwirrung herrschte.

„Was ist das Heilige? Das ist’s, was viele Seelen zusammenbindet. Bände es auch nur leicht wie die Binse den Kranz.“