Dieses leichte Band ist nun zerrissen. Aber Goethe fährt mit vermehrtem und prophetischem Nachdruck fort:
„Was ist das Heiligste?
Was heute und ewig die Geister tiefer und tiefer gefühlt immer nur einiger macht.“
Warum sind diese Worte so unendlich deutsch? Nur durch die so weit übergreifende Erkenntnis, die aus ihnen atmet.
Und hier ist die Stelle, verehrte Anwesende, wo ich Sie an das erinnern muß, was ich von uns, dem verschwindenden Häuflein der französischen Germanen und der romanischen Deutschen sagte; denn hier ist die Bresche, die wir behaupten. Sie fassen festeren Griffes das Nächstliegende auf; wir können das Gesamtbild nie aus den Augen verlieren. Unser Wille ist dabei nicht in Frage. Vielmehr hegen wir eine mit Neid untermischte Sehnsucht nach allem, was glücklich umgrenzt, nicht zugleich ins andere hinüberspielt, während es das eine ist. Wir müssen teuer bezahlen für alles, was wir sehen. Und wir sehen, daß sich deutsche Wesensfülle seit vierundvierzig Jahren nicht näher geklärt hat. Die Krankheitssymptome des uns immer mehr entfremdeten Frankreichs hat keiner drastischer geschildert als Romain Rolland in seinem Jean Christophe, einem Buch, das uns andere unbeschreiblich irritiert, weil die Dinge, die es enthält und die längst Gemeinplätze sein sollten, noch so gänzlich neu sind. Erinnern Sie sich des Wortes Burckhardts in seiner Kultur der Renaissance: „Das scheinbar kränkste Volk kann der Gesundheit nahe sein, und ein scheinbar gesundes kann einen mächtig entwickelten Todeskeim in sich bergen, den erst die Gefahr an den Tag bringt.“ Sehen Sie, Sätze solcher Art sind es, an denen wir nie vorüberhören. Immer wieder wird das Bild von den männlichen und den weiblichen Nationen hingeworfen: warum macht sich keiner daran, es auszumalen? Sie wundern sich über den Haß der Franzosen, die Sie doch selber nicht eigentlich hassen. Aber wird der Groll der Verschmähten nicht viel erbitterter sein, als der des ungeschickten oder zaudernden Freiers, der die Gelegenheit nicht wahrnahm oder die richtigen Worte zur Werbung nicht fand?
Gewiß schlägt die schön beredte Muse d’Annunzios den Rekord der Gedankenarmut; und die heutigen Meister der französischen Sprache sind in dem Maße von einer gewissen Hohlheit zerquält, je gründlicher sie die Verbindung mit uns verloren haben. Wir brauchen nur Flaubert mit Anatole France zu vergleichen. André Gide und Romain Rolland, beide auf ihre Art sehr angedeutschte Geister, werden uns am meisten sagen können.
Aber auch auf unsere Literatur der letzten Jahrzehnte gehört als Motto jener uralte Ausspruch: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.“ Unsere Größten stehen heute ihrer Anlage nach unseren Allergrößten nicht nach; ich denke an Gerhart Hauptmann, und es läßt sich das Schönste über sie sagen, was es gibt, nur nicht, daß sie sich selbst übertrafen, nur nicht, daß sie ihr letztes gaben; nur nicht, daß sie sich vollendeten. Nein, wenn wir jetzt zurückdenken: es ist doch keine Lust gewesen zu leben. Der große Deutsche vor der Zeit der großen Entfremdung war gerade dadurch eine so überbietende Erscheinung, daß er, wie ein großer Komponist implicite ein großer Dirigent sein kann, sich spielend gleichsam auch der romanischen Vorzüge bemächtigte. Nicht ohne sie hielt er Haus. Es war aber gerade sein Deutschtum, das dabei seine glücklichste Entfaltung und seinen mächtigsten Ausdruck fand. Er, und nur er brachte es dann zu jener überragenden Bedeutung, durch die er den großen Romanen den Rang ablief. Wenn ich Goethe im Gegensatz zu Victor Hugo nenne, wird man mich sogleich verstehen. Ich nenne ihn aber auch im Gegensatz zu Hebbel. In seiner Universalität liegt das Geheimnis, warum der rauhere Deutsche im Grunde eine stärkere Beziehung zur Antike hat, als bei allem Formensinn der Franzose. Selbst ein so verrannter Nationalist wie Maurice Barrès fühlte sich über die Goethesche Iphigenie zu dem Geständnis, zu der Huldigung hingerissen: „Jaime la Grècque germanisée.“ Vergleichen wir Racine mit Gluck. Und welcher lateinische Komponist hat auch nur annähernd die Grazie eines Mozart erreicht! Wer allerdings hat sich lateinischeren Einflüssen zugänglicher gezeigt? Vergessen wir auch nicht, daß einer der größten Diplomaten aller Zeiten ein Deutscher war. Wer aber hatte es gelernt, ein größerer Meister dessen zu werden, wofür wir bezeichnenderweise kein gleiches deutsches Wort besitzen: die Nuance?
Hier ließe sich freilich manches weiterspinnen, aber es ist nicht der Ort, noch sind mir Befugnisse erteilt worden, über die Politik zu sprechen — über die es so viel zu sagen gäbe. Aber sicher wird es mir gestattet sein, einen Satz Ernst Moritz Arndts aus der Jahren der Freiheitskriege anzuführen: „Die Zeit, worin wir leben,“ schrieb er 1815, „hat uns Deutschen zugemutet, politische Menschen zu werden. Es hat schwerer Jahre bedurft, daß wir aus dem dämmernden Traum einer Gleichgültigkeit erweckt wurden, die dem deutschen Namen fast mit dem Untergang drohte. Gottlob! uns ist wieder ein Vaterland gezeigt worden, ein Ziel, worauf alle Deutschen als Volk schauen, wofür sie streben und arbeiten sollen. Immer aber gilt noch mit Recht die Klage, daß wir nicht politisch genug sind. Damit wir dies immer mehr werden, dafür muß jeder redliche Deutsche denken und streben und auf seine Weise den Kampf durchkämpfen helfen, der nicht allein auf den Schlachtfeldern entschieden werden kann.“
Ich werde mich streng an meine Weisung halten und in keiner Weise untersuchen, ob wir diese politischen Qualitäten, die Arndt uns so dringend empfahl, innerhalb dieser hundert Jahre erworben haben. Ich möchte nur einen anderen Satz anführen, aus einem Aufsatz Thomas Manns im Dezemberheft der „Neuen Rundschau“. Da steht: „Wir hätten die Kultur als Wort und Begriff dem Worte Zivilisation stets vorgezogen, weil es rein menschlichen Inhaltes ist, während wir beim anderen einen politischen Einschlag und Anschlag spüren, der uns ernüchtert, der es uns zwar als wichtig und ehrenwert, aber nun einmal nicht als ersten Ranges erscheinen läßt — weil dieses innerlichste Volk der Metaphysik, der Pädagogik und der Musik ein nicht politisch, sondern moralisch orientiertes Volk ist.“
Dies hundert Jahre nach Arndt, und nachdem Deutschland inzwischen zu einem geeinigten Reich und einer Großmacht erstarkt war.